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Woraus die Seele ihren Atem schöpft
BBZ, 24. Dezember
2004
Für einen Großteil der ländlichen Bevölkerung im
Einzugsbereich der Badischen Bauern Zeitung ist es
glücklicherweise auch heute noch eine
Selbstverständlichkeit, zu der man sich bekennt: Mir
schwätze alemannisch mitenander. Wenn man in dieser
Sprache aufgewachsen ist und in der ganzen Umgebung so
gesprochen wird, liegt ja auch nichts näher, als so zu
reden, wie einem der Schnabel gewachsen ist.
Doch ganz
schnell wird an dieser Selbstverständlichkeit immer wieder
gekratzt: Es kann passieren, dass da ein Übergescheitle
daherkommt, sich lustig macht und das Dialektsprechen gar
für ein Anzeichen von Ungebildetheit oder für eine
„verderbte“ Hochsprache hält. Und schon lassen sich viele in
seiner Gegenwart verunsichern, wechseln ins Hochdeutsche und
finden plötzlich auch, dass ihre Kinder Nachteile in der
Schule haben, wenn sie Dialekt sprechen. Dabei ist der
Mangel an Bildung vielleicht gerade bei diesem kecken
Herausforderer zu suchen, denn der Dialekt ist keineswegs
ein verderbtes Hochdeutsch. Er war schon lange vor der
gemeinsamen Hochsprache da und hat eigene Grammatikregeln
sowie ein in sich stimmiges Lautsystem. Selbst große
Dichter, wie Johann Wolfgang von Goethe, haben die Dialekte
geschätzt und erkannt, was sie zu leisten vermögen. „Jede
Provinz liebt ihren Dialekt, denn er ist doch eigentlich das
Element, in welchem die Seele ihren Atem schöpft", sagte
Goethe und meinte damit in erster Linie, dass es kaum etwas
gibt, was so wie die Muttersprache Heimat und Vertrautheit
geben kann. Er wusste sicher aber auch, dass die sich damals
immer mehr durchsetzende Standardsprache in den Dialekten
wurzelte, sozusagen ein Kind vieler Dialekte war, das von
den einzelnen Vorfahren unterschiedlich viel mitbekommen
hat. Einige spielten dabei nur noch als ferne Verwandte eine
Rolle, wie das Plattdeutsche oder aber auch das
Alemannische.
Wenn ein Kind also sowohl
Alemannisch als auch Hochdeutsch, zum Beispiel durch
Vorlesen, Fernsehen oder Kontakt mit Fremden lernt, ist das
fast so, als würde es zweisprachig aufwachsen. Und dass
Kinder, die mühelos zwei Sprachen erlernen können, dadurch
eher eine Horizonterweiterung als eine -einschränkung
erfahren, bestreitet heute kaum jemand. Dialektbedingte
Fehler in der Schule können natürlich vorkommen. Ihnen kann
der Lehrer aber ebenso mit geeigneten Übungen begegnen, wie
etwa Rechenschwierigkeiten, während daneben der Vergleich
zweier Sprachen eine Schärfung der sprachlichen Wahrnehmung
herbeiführen kann.
Aber Alemannisch, was ist das
eigentlich und warum nennt man unseren Dialekt so? Jeder
Dialektsprecher weiß, in Lörrach spricht man anders als am
Bodensee und im Hochschwarzwald will man kaum etwas mit der
Sprache aus der Ortenau gemeinsam haben. Das stimmt
natürlich in gewissem Maße, geringfügige Unterschiede sind
ja schon im Vergleich mit Nachbarorten auszumachen. Bis
wohi geht der Nebel?", ist eine beliebte Frage, um diese
Unterschiede zu demonstrieren. Die Antwort ist bekannt, sie
muss zum Beispiel für einen Schwarzwälder aus dem Elztal
lauten: Bis uf Denzlinge, ab dert isch de Nabel.
Dennoch gibt es markante
lautliche Phänomene, die es erlauben von einer gemeinsamen
Sprache, dem Alemannischen, zu sprechen. So ist das
Alemannische einer früheren Sprachstufe, dem
Mittelhochdeutschen, ähnlicher als das Hochdeutsche. Denn im
ausgehenden Mittelalter setzte von Kärnten aus ein
Sprachwandel ein, der einen Keil mitten in das deutsche
Sprachgebiet trieb und die Sprache in diesem Gebiet
veränderte. Auch dort, wo später die Wiege des Hochdeutschen
stand, nämlich im Sächsischen (vgl. nebenstehende Karte für
den Fall Huus/Haus). Wo man vorher Iis, Lüte
und Huus sagte, fing man an, von Eis, Leute und Haus zu
sprechen. Gleichzeitig änderte sich Krueg, trüeb und
li-eb in Krug, trüb und lieb. Im einen
Fall wurden nun also lange Vokale (Selbstlaute) in Zwielaute
geändert, während auf der anderen Seite Zwielaute in lange
Vokale verwandelt wurden. Das Alemannische dagegen hat den
alten Lautstand bewahrt und das gilt als sein
Erkennungsmerkmal. Dazu kommen noch weitere lautliche
Besonderheiten, aber auch Eigenheiten im Wortschatz. Hier
wäre zum Beispiel das Wort Zischtig zu nennen, das
als Kennwort des Alemannischen angesehen wird, denn
drumherum gelten andere Wörter, wie „Dienstag", „Ertag" oder
„Aftermontag".
Die Bezeichnung Alemannisch
für diesen Dialekt ist allerdings noch nicht sehr alt. Sie
wurde von der Sprachwissenschaft eingeführt in Bezug auf den
germanischen Volksstamm der Alemannen, der sich zu
Völkerwanderungszeiten aus dem Elbe-Saale-Gebiet kommend in
unserer Region angesiedelt hatte. Dass sich die Bezeichnung
mehr und mehr durchsetzte, ist in erster Linie Johann Peter
Hebel, dem Pfarrer und Dichter aus Hausen im Wiesental, zu
verdanken. Er veröffentlichte im Jahre 1803 seine „Allemannischen
Gedichte". Auf diese Bezeichnung war er wohl aufmerksam
geworden, weil er Gemeinsamkeiten seines Dialektes mit einem
altdeutschen Volkslied entdeckte, das ihm unter dem Namen
„Alemannischer Gesang zum Lobe der heiligen Jungfrau"
begegnete. Sicher nicht ganz unbeteiligt daran, dass der
Begriff immer populärer wurde, ist in jüngerer Zeit die
Muettersproch-Gsellschaft, die sich seit über dreißig Jahren
für den heimischen Dialekt engagiert und mit ihrem Aufkleber
Bi uns kammer au alemannisch schwätze viele
Menschen erreichte.
Die Bildung eines solchen
Vereins für die Erhaltung der Mundart zeigt, dass in dieser
Frage Handlungsbedarf bestand und heute auch noch besteht.
Zwar hatten Sprachschützer schon immer Befürchtungen gehabt,
dass die Dialektvielfalt zurückgeht und vor allem den
allgemeinen Sprachwandel als verderblich angesehen. Dabei
haben sie aber nicht bedacht, dass es ein Zeichen von
Lebendigkeit ist, wenn die Sprache sich weiterentwickelt.
Wörter wie Hailiecher (ein Haken, um Heu aus dem
Heustock zu ziehen) verschwinden, weil damit nicht mehr
gearbeitet wird. Dafür entwickelte man im Dialekt neue
Wörter für neue Dinge, wie Gfrieri für die heute auch
schon wieder verschwundenen Gemeinschaftsgefrieranlagen oder
Druckliecht für die Taschenlampe.
Heute ist jedoch durch die
zunehmende Mobilität und durch die Massenmedien, die auch
den letzten Winkel im Land erreichen, eine wirklich
ernstzunehmende Gefahr für den Dialekt entstanden. Die
örtlichen Besonderheiten schleifen sich mehr und mehr ab.
Spezielle dialektale Ausdrucksweisen, wie s denkt mer
noch („ich erinnere mich") oder ich gang go Moscht
hole („ich gehe Most holen"), weichen mehr und mehr den
hochsprachlichen Entsprechungen. Und in den Städten verliert
der Dialekt spürbar an Einfluss.
Da wird es Zeit, dass man sich
bewusst macht, was das Alemannische für Schätze in sich
birgt. Denn welche Vielfalt und welcher Reichtum in unserer
Sprache steckt, ist durchaus verblüffend. Man muss sich das
nur einmal genauer anschauen. In der neuen BBZ-Serie wollen
wir uns deshalb diesem Thema widmen.
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