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Micki, die nichts mit der Maus zu tun hat
BBZ, 22. Januar
2005
Kaum ein Gerät in der Landwirtschaft wurde über die
Jahrhunderte so zur Vollkommenheit weiterentwickelt wie der
Wagen, der von Pferden oder Kühen gezogen im Jahreskreislauf
vielfältig eingesetzt werden konnte. Mühelos konnte er im
Winter platzsparend verstaut werden, weil er anders als ein
moderner Ladewagen mit wenigen Handgriffen in seine
Einzelteile zerlegt werden konnte. Brauchte man ihn im
Frühjahr als Mistwagen, wurde er relativ schnell für diese
Aufgabe hergerichtet. Später wurde er zum Heu- und
Erntewagen umfunktioniert und im Herbst schließlich diente
er als Transportmittel für Kartoffeln und Rüben. Aber so
ausgereift er in seiner Funktionalität auch war, eine Sache
war mit Sicherheit nicht kinderleicht zu bedienen, und das
war die Bremse. Einen vollen Heu- oder Holzwagen in
abschüssigem Gelände sicher nach Hause zu bringen erforderte
den gesammelten Sachverstand einer erfahrenen Person, die
genau wusste, was sie tat, wenn sie die Micki, Striichi
oder Sperri, je nach örtlichem Sprachgebrauch,
bediente.
Ein ungewöhnliches Wort ist dieses Micki. Während man
sich unter Sperri oder Striichi doch
einigermaßen etwas vorstellen kann, weil man es mit den
Zeitwörtern 'sperren' oder 'streichen' zusammenbringen kann,
fehlt bei Micki eine solche Anbindung an ein entsprechendes
Wort völlig. Noch rätselhafter wird der Fall, wenn man
erfährt, dass in einem kleinen Gebiet zwischen Offenburg und
Freudenstadt diese Vorrichtung Wicki genannt wird,
während einige Leute auf der Höri und der Reichenau steif
und fest behaupten, es würde sich bei der Bremsvorrichtung
am Wagen eigentlich um eine Bickeni handeln. Und ganz
geheimnisvoll wird es, wenn nun auch noch aus Stockach
gemeldet wird, dass man es dort mit einer Lickeni zu
tun hat und einige Orte um Meßkirch nichts anderes als eine
Wickeni kennen wollen, sowie südlich davon in einigen
Orten Mickeni gilt. Wie ist so etwas möglich?
Etwas
Licht ins Dunkel können hier nur die Mundartsprecher entlang
des Rheins südlich von Breisach bis nach Säckingen bringen.
Dort, wie auch im Elsässischen, spricht man nämlich im
Zusammenhang mit der Bremsvorrichtung am Wagen von der
Mechanik, Michanik oder Mechani. Dieses Wort ist,
wenn auch nicht einheimisch, so doch wohlbekannt und wird
auch heute noch überall dort angewendet, wo es um
Kräfteübertragung bei Maschinen geht. Zwar sind die Wurzeln
des Wortes im Griechischen zu suchen, im Fall der Micke
mit all ihren Spielformen liegt die Sprache, die direkt
als Spender in Frage kommt, aber etwas näher: Es handelt
sich um das Französische. Das ist deshalb zu vermuten, weil
die Franzosen nicht Mechanik, sondern Mekanik mit der
Betonung auf der letzten Silbe sprechen, und das wiederum
erklärt, warum es letztendlich zur Micki, Micke, Mecki,
in der Ortenau auch nur einsilbig zu Mick, Meck
oder gar Muck, und ähnlichem kommen konnte. Weil der
Dialekt in der Regel eine rein gesprochene Sprache ist und
die schriftliche Fixierung eines Wortes in der Vergangenheit
so gut wie keine Rolle gespielt hat, konnten nämlich Wörter,
die fremdartig und relativ einsam waren, weil sie nicht auf
eine stützende Wortfamilie zurückgreifen konnten, schnell
abgeschliffen und dem dialektalen Sprachgebrauch angeglichen
werden.
Besonders eindrücklich ist dies an den vielen Namen zu
sehen, die in den Dialekt eingebettet wurden. Aus Magdalena
wurde Madlee, aus Elisabetha Lisbeth und aus
Susanne beispielsweise Züs. Und so wurde aus der
Mekanik die Micki und die wiederum entwickelte
sich in einigen Fällen noch weiter zur Wicki, Bickeni
oder Lickeni. Warum dies im Einzelfall geschehen ist,
müsste noch genauer erforscht werden. Zu vermuten ist aber,
dass hin und wieder ein anderes Wort beeinflussend gewirkt
hatte, wie im Fall Wicki eventuell das Wort Winde,
das im Zusammenhang mit der Bremse ebenfalls genannt
wird.
Im Hotzenwald und Teilen des Hochschwarzwalds wollte man
aber von all diesen MechanikWörtern nichts wissen. Dort kam
man seit eh und je mit der Striichi beziehungsweise
dem Striicher aus. Sachlich handelte es sich wohl um
die gleiche Vorrichtung, denn sowohl bei der Micki
als auch der Striichi wurde ein Bremsbalken im
Bedarfsfall an das Rad gedrückt, strich sozusagen am Rad
entlang. Möglich ist aber auch, dass ältere Techniken des
Bremsens, wie das Anhängen eines Bremsklotzes, der am Boden
entlang streicht, einfach namentlich auf die neuere Technik
übertragen wurden. Das könnte auch bei der Sperri so
sein, denn eine ältere Technik des Bremsens, die manchmal
sogar zusätzlich zur Micki benutzt wird, ist das
Sperren eines Hinterrades mit Hilfe einer Sperrkette, eines
Sperrhunds (eine Art Radschuh) oder eines Sperrknüppels. Auf
jeden Fall trägt die Sperri das, was sie tut,
offenkundig in ihrem Namen: Sie sperrt ein oder mehrere
Wagenräder und verhindert so, dass der Wagen auf eigene
Faust den Heimweg sucht.
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