Wo "jucke" nichts mit Stichen zu tun hat
BBZ, 5. März 2005
Wenn es
darum geht, die Tätigkeit zu benennen, die im Hochdeutschen
mit “springen” bezeichnet wird, ist man in Südbaden ganz
unterschiedlicher Meinung. Zwar gibt es nicht viele
Varianten, aber die, die es gibt, haben kaum etwas
miteinander zu tun. Lediglich die Bezeichnungen in den
beiden Gebieten, in denen man hopst beziehungsweise
hoppt, wenn man mit beiden Beinen kurzfristig den
Erdboden verlässt, haben Ähnlichkeit miteinander. Hier kann
man davon ausgehen, dass das Wort hopse eine
Weiterbildung zu dem Wort hoppe ist, die uns auch
anderswo begegnet, etwa bei tappen und tappsen.
Wie sich das Wort hoppen allerdings im südlichen
Schwarzwald festsetzen konnte, ist etwas rätselhaft, denn
vom äußeren Anschein her ist es identisch mit einem
niederdeutschen Wort für “springen”. Bei uns müsste es daher
hopfen heißen, ebenso, wie aus dem Appel
hierzulande ein Apfel bzw. Epfel geworden ist.
Möglicherweise ist es aber eine Neubildung zu der
Aufforderung hopp!, die man jemandem erteilt, dem man
Beine machen oder auf die Sprünge helfen will. Die
legendären Schwarzwaldengländer jedenfalls aus Furtwangen
und Umgebung, die sich vor mehr als 150 Jahren aufmachten,
um in England einen Vertrieb für Kuckucksuhren aufzubauen,
mussten sich bei diesem Wort in der fremden Sprache nicht
sonderlich anstrengen: In Englisch heißt hüpfen “to hop” und
ist dem heimischen hoppe daher ganz ähnlich.
Aber
auch bei einem anderen Wort, das bei uns für “springen”
gilt, kann man eine Verwandtschaft im Englischen ausmachen.
In der äußersten Südwestecke ist nämlich das Wort gumpen
daheim, bei dem eine Ähnlichkeit mit dem englischen Wort
“to jump”, das ebenfalls “springen” bedeutet, nicht ganz
von der Hand zu weisen ist. Man kann davon ausgehen, dass
hier tatsächlich zwei Ausläufer eines Wortes sind, das die
Germanen noch gemeinsam hatten, bevor sie sich zu den großen
Völkerwanderungen aufgemacht haben. Zu den Nachfahren dieser
Germanen gehören aber auch die, die zwar nicht gumpe
für “springen” sagen, aber den damit verwandten Gumpen
kennen, eine tiefe Stelle im Wasser, in die man kopfüber
gumpe, hopse, hoppe oder jucke kann.
Jucke?
Ja, man kann auch ins Wasser jucke. Die Voraussetzung
dafür ist lediglich, dass man in Fützen, Riedböhringen,
Pfohren, Sunthausen oder östlich davon zu Hause ist. Bis
weit ins Schwäbische hinein spricht man in diesem
Zusammenhang ganz selbstverständlich von jucke und
denkt nicht daran, dass man westlich davon irritiert ist,
weil man dort unter jucken etwas ganz anderes
versteht. Man kann fast sagen, es juckt sie überhaupt nicht.
Warum auch? Schließlich benutzen sie das Wort in der älteren
Bedeutung, die auch noch in dem Wort juckeln im Sinne
von „sich hin- und herbewegen“ aufscheint. Da ist der Weg zu
„sich kratzen“ nicht mehr weit und das hängt wiederum eng
mit der anderen Bedeutung „eine brennende Empfindung auf der
Haut haben“ zusammen.
In Stockach
jedenfalls meint man springen, wenn man jucke sagt. Das wird
sehr eindrücklich in dem dort gehörten Satz greifbar, der
als ordentliche Beleidigung gemeint ist und nur spaßig ist,
wenn man nicht selbst der Angesprochene ist: Du bisch em
Deufel us em Buckelkorb g’juckt, wo er mit U’ziffer
g’handlet het.
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