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Wohlerzogenes Obst?
BBZ,
1. Oktober 2005
Scharmanti bruuni
Bire, scharmanti roti Öpfel ab der Hurt, so konnten
Äpfel und Birnen zu Johann Peter Hebels Zeiten noch
bezeichnet werden, wie in seinem Gedicht "Eine Frage"
nachzulesen ist. Doch wie hat man sich diese "charmanten"
Birnen und Äpfel vorzustellen? Waren sie besonders
wohlerzogen, zuvorkommend und freundlich in ihrer Art? Nein,
das hatte Hebel bestimmt nicht gemeint! Bei ihm war das
Wort, das eigentlich "anmutig" oder "bezaubernd" bedeutet,
noch nicht ausschließlich auf Menschen bezogen. So
bezeichnete Äpfel und Birnen waren einfach nur tadellos,
ohne Makel oder Maase, also ohne Druckstelle oder
Hautverletzung. Und jeder Obstbauer weiß, wer solche Äpfel
oder Birnen haben will, muss vorsichtig mit ihnen umgehen.
Man darf die Apfelbäume dann nicht einfach schütteln bis
darunter alles grudlig voll liegt. Wer Äpfel und
Birnen zum Essen einlagern will oder gar als Tafelobst
verkaufen will, muss sie breche, günne oder
gwinne, je nachdem, wo in Südbaden dieser Tätigkeit
nachgegangen wird.
Ein
Blick auf die nebenstehenden Karte verschafft darüber die
nötige Klarheit: Im mittleren Schwarzwald, Ortenau und
Breisgau werden Epfel broche, im Markgräflerland,
Hotzenwald bis auf die Höri kann man Öpfel günne und
auf der Baar und zum Bodensee hin spricht man vom Epfel
gwinne. In einem Gebiet in der Mitte ist jedoch ein
grauer Fleck, auf dem keine Bezeichnung eingetragen ist. Es
mag zwar sein, dass in dieser Region der eine oder andere
Begriff für "pflücken" bekannt ist. Bei der Erhebung, die
der Karte zugrundeliegt und bei der nach dem Begriff für
"Äpfel ernten" gefragt wurde, wurde die Bezeichnung für
"Äpfel pflücken" jedoch nicht genannt. Wohl spricht man hier
davon, dass Äpfel rab-, abi-, ab- oder nabgmacht
beziehungsweise ‑due werden. Damit ist aber die
weniger sorgfältige Art gemeint. Die Erklärung für dieses
Phänomen kann nur sein, dass die Ernte von Tafelobst, das
auf dem Markt verkauft werden kann, in dieser Gegend wegen
klimatisch raueren Bedingungen keine Bedeutung hat und somit
die entsprechenden "Fachwörter" für das Pflücken auch keine
Rolle spielen.
Vielleicht ist auch
der Sonderweg, den die Bleibacher und Simonswälder gehen,
auf diesem Hintergrund zu verstehen. Diese geben nämlich an,
dass Äpfel kruttet werden. Das klingt verdächtig nach
der Ernte von anderen Früchten, die im Schwarzwald im
Gegensatz zu milderen Gegenden von Bedeutung ist, dem
Sammeln von Beeren, insbesondere von Heidelbeeren.
Wahrscheinlich ist krutte, also "krauten", einfach
eine Übertragung vom Beeren- aufs Apfelpflücken. Und wen
wunderts, dass auch auf der Insel Reichenau ein besonderes
Wort gilt, dort, wo Obst- und Gartenbau nachweislich schon
seit Jahrhunderten betrieben wird? Von dort wurde berichtet,
dass die Äpfel gelesen werden, ein Wort, das man bei
uns sonst nur aus dem Hochdeutschen kennt oder aber im
Zusammenhang mit "Schrift" oder "Buchstaben". So weit
auseinander sind diese beiden Bedeutungen jedoch nicht. Sie
gehen beide auf den selben Ursprung "sammeln, auflesen"
zurück; im einen Fall sind eben Äpfel gemeint, auf der
Reichenau selbstverständlich weiterentwickelt zur Bedeutung
"pflücken", und im andern Fall liegt die Vorstellung
zugrunde, dass mit den Augen Buchstaben "aufgelesen" und zu
Wörtern zusammengefügt werden.
Auch die Wörter
gwinne und günne, wovon Letzteres nur eine
Variante von "gewinnen" ist, sind in ihrem Ursprung sehr
nahe an dem, was sie im Alemannischen heute bedeuten. Hier
geht es nicht um Lotterielose, die Reichtum versprechen oder
um einen Wettbewerb, bei dem man unbedingt Erster werden
muss. "Gewinnen" geht nämlich auf das germanische Wort
wenn-a zurück, das "sich mühen" bedeutet und kann
deshalb in seiner eigentlichen Bedeutung mit "durch Mühe
erreichen" umschrieben werden. Trifft das die Sache nicht
haargenau? Wer einen ganzen Tag beim Äpfel gwinne
dabei war, wird am Abend diese Frage sicher bejahen können.
Das geht denen, die ihre Äpfel brechen, zwar nicht
anders. Ihre Bezeichnung ist jedoch schlichter: Sie brechen
den Stiel vom Ast und damit hat sich die Sache.
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