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S git nit, was es nit git!
BBZ,
22. Oktober 2005
Es ist schon
verblüffend, was Sprachwissenschaftler so alles
interessiert. Manchmal treiben sie es damit sogar auf die
Spitze - auf die Kuhschwanzspitze ...
Etwa 30 Jahre ist es
her, dass sich Dialektforscher des Südwestdeutschen
Sprachatlasses aufmachten, um bei kompetenten
Mundartsprechern in einem sorgfältig abgesteckten Ortsnetz
einen dicken Fragekatalog abzufragen. Und da war auch die
Frage nach den Kotklumpen oder -klunkern bei Kühen darunter.
Natürlich sollte es so etwas überhaupt nicht geben, denn
solcherlei "geschmückte" Kühe gelten nicht gerade als
vorbildlich. Aber auch hier gilt die alemannische Weisheit:
S git nit, was es nitt git! Man höre und staune, von
der Sache wurde berichtet und sie firmiert im südlichen
Baden unter ganz unterschiedlichen Bezeichnungen.
Da
ist zunächst die Bägle zu erwähnen, ein Begriff, der
nicht nur der eingetrockneten Schmutzkruste beim Rindvieh
vorbehalten ist. Noch eine weitere unappetitliche Sache, der
vertrocknete Nasenschleim, den manch einer in unbeobachteten
Momenten zu Tage fördert, erfreut sich dieses schönen
Namens. Und auch die Bägle, die einer
heimschleipft, wenn er zu tief ins Glas geschaut hat,
soll hier nicht unerwähnt bleiben. Da wird das Wort
allerdings in einem übertragenen Sinn benutzt, denn
eigentlich bedeutet Bägle "eingetrockneter Schmutz,
der sich irgendwo angesetzt hat". Und diese Bedeutung hat
mit dem Rausch nur gemein, dass auch dieser Zustand
unerwünscht ist und haftet, wie ein lästiger Kotklumpen.
Weil man dem Wort also nicht ansehen kann, um welche
Schmutzkruste es sich genau handelt, wurde der abgefragte
Kotklunker an manchen Orten konkretisiert. So kann man dem
Ganzen mit Mischt- oder Kuehbägle noch etwas
mehr Kontur verleihen.
So ist es auch mit
den Bollen, die auf unserer Karte in zwei Gebieten
vertreten sind. Auch das ist ein Wort, das - zusammenhanglos
benutzt - für vieles gelten kann. Wer kennt ihn nicht, den
Bollehuet, der zum Wahrzeichen des Schwarzwalds
geworden ist? Und welchem Kind schlägt nicht das Herz höher,
wenn es gefragt wird, ob es zwei oder drei Bollen Eis
will? Bollen ist also ein ganz neutrales Wort, jedenfalls
neutraler als Bägle. Es kann einfach für alles
hergenommen werden, was rund und zusammengeballt ist. Will
man sich bezüglich der Schmutzkruste bei Kühen da genauer
ausdrücken, kann man auch hier bestimmende Wörter, wie
Mischt, Kueh oder Dreck davor stellen, wie
vielerorts gemeldet wurde.
Dass offensichtlich
die hier besprochenen Kotklumpen dazu neigen, ganz von
alleine eine runde Form anzunehmen, wird auch aus einem
weiteren Wort ersichtlich, das im Markgräflerland bis in den
Klettgau hinein verwendet wird. Dort kennt man in diesem
Zusammenhang die Rolle, eine Bezeichnung, die noch
viel mehr und verschiedenartigere Bedeutungen haben kann,
als Bägle und Bolle zusammen.
Natürlich kann
alles, was länglich und rund ist als Rolle
durchgehen. Das gilt für abgesägte Stücke von einem
Baumstamm genauso, wie für die Fadenrolle, die allerdings
auch gerne Rugeli oder Krugeli genannt wird.
Darüberhinaus gibt es aber noch einiges, was ebenso mit
Rolle bezeichnet werden kann. Ein Blick ins Badische
Wörterbuch ergibt achtzehn verschiedene Bedeutungen, die
dieses Wort haben kann, wovon die Würstchen des
Haselnussstrauches im Elztal und die grünen Früchte der
Kartoffel in Gütenbach nur zwei sind. Wer hätte jedoch
gedacht, dass man auch Haarlocken und die gekräuselte Feder
des Enterichs so nennen kann? Das Alemannische ist eben
äußerst vielseitig. Und poetisch dazu, auch wenn der
Gegenstand davon weit enfernt ist. Aus Altenheim wurde
nämlich die Redensart Bolle wie Rolleschelle (für
besonders dicke Kotklumpen) überliefert, ein Vergleich, der
durch die Anhäufung der ll's fast gedichttauglich
ist.
Weniger die Form als
vielmehr das Geräusch, was solche Kotklunker machen können,
hat man wohl am Bodensee im Sinn, wenn man dort von
Klattere spricht. Das hört sich nach lautmalerischem
"Klatschen" oder "Klappern" an. Vielleicht klingt in diesem
Wort außerdem noch der Vorgang an, wenn die Kuh pflatschend
einen Kuhfladen, eine Deische produziert. Mancherorts
in Südbaden sagt man hierzu nämlich lättere. Doch das
ist spekulativ. Jedenfalls zeigt das Thema, dass sich
Sprachwissenschaftler von keinem noch so widerwärtigen
Untersuchungsgegenstand abschrecken lassen und selbst den
Kotklumpen beim Rindvieh noch etwas abgewinnen können.
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