|
Wenn das Salz in der Suppe fehlt ...
BBZ,
19. November 2005
Immer wieder wird
behauptet, dass es Mundartsprecher schwerer haben,
komplizierte Sachverhalte angemessen zu beschreiben. Das mag
vielleicht stimmen, wenn das Gespräch auf die
Relativitätstheorie oder auf den Stoffwechsel bei
Wasserschildkröten kommt. Geht es aber um alltägliche
Erscheinungen, wie versalzene oder zu wenig gesalzene
Speisen, sind die Alemannischsprecher eindeutig im Vorteil.
Sie verfügen nämlich in beiden Fällen über ein Wort, das die
Sache kurz und bündig auf den Punkt bringt und das viel
treffender und genauer ist als die hochdeutsche
Umschreibung. Denn angenommen, der Hausfrau oder dem
Hausmann ist hierzulande der Salzstreuer in die Suppe
gefallen, wird nicht lange nach Worten gesucht. Die Folge
ist klar wie Kloßbrühe: Diese Suppe ist nun leider räß.

Und auch für den
entgegengesetzten Fall ist der Mundartsprecher mit einem
einzigen, treffenden Wort gewappnet. Da kommt es allerdings
darauf an, wo in Südbaden dieses Manko zu beklagen ist. In
einem ziemlich großen Gebiet im Süden und am Rhein entlang
in Mittelbaden kennt man zur Umschreibung dieses
Sachverhalts das Wort liis. Dieses Wort hat den
selben Ursprung, wie das Wort 'leise', das wir aus dem
Hochdeutschen kennen und geht auf die Grundbedeutung
'schwach, abnehmend' zurück. Das macht in beiden Fällen auch
heute noch Sinn, nur dass sich das Wort im einen Fall eben
auf die Lautstärke bezieht und im anderen Fall auf den
Geschmack. Sinnigerweise hat auch das Wort fad, das
immer wieder, vor allem im Süden genannt wurde, dieselbe
Grundbedeutung. Dieses Wort kommt allerdings aus dem
Französischen. Im Norden tritt dagegen vereinzelt met
auf, das wohl auf das Wort 'matt' zurückgeführt werden
kann. Auch das geht auf die Bedeutung 'kraftlos' zurück,
was in Bezug auf Speisen auch heute noch durchaus etwas
Einleuchtendes hat. Man kennt ja auch die "Kraft-brühe", die
der Suppe die nötige Würze verleiht.
Doch damit ist der
Vorrat an Möglichkeiten noch lange nicht erschöpft. Das Wort
für 'ungenügend gesalzen' ist im südbadischen Raum ein
wahrer Verwandlungskünstler. Es gibt Gegenden, da heißt es
lei und andere Regionen, da wird diesem Wort vorne
oder hinten oder gar an beiden Seiten etwas drangehängt. Im
Breisgau und in der Ortenau hört man schlei, im
oberen Bregtal dagegen leib und um Schiltach herum
vereinigt man beides zu schleib. Warum das so ist,
ist nicht ganz klar, doch ziemlich sicher eine komplexe
Angelegenheit. Zum einen handelt es sich
höchstwahrscheinlich gar nicht um Anfügungen, sondern um
Weglassungen. Denn aus dem Mittelhochdeutschen ist das Wort
schle bzw. schlew bekannt, das ansonsten
ausgestorben ist, sich in unserem schlei bzw.
schleib aber wohl noch eines munteren Daseins freut. Das
Wort bedeutete neben dem bereits erwähnten 'matt' auch
'stumpf'. Auch letzteres ist eine Bezeichnung, die leicht
auf den Geschmack anwendbar ist. Das Gegenteil 'scharf' ist
ja ebenfalls in diesem Zusammenhang üblich. Dass nun
mancherorts das sch am Anfang weggefallen ist, könnte
daran liegen, dass es sich hier ursprünglich um eine falsche
Worttrennung handelte: Ausgehend von Des isch schlei!
wurde dem Wort schlei das sch weggenommen,
weil man dachte, es würde zu isch gehören. Das ist
ein Vorgang, der in vorwiegend gesprochenen Sprachen
häufiger vorkommt und für den es noch etliche andere
Beispiele gibt. Das Wort Nascht für 'Ast' (aus en
Ascht) gehört hierzu, allerdings erfolgte die Trennung
hier andersherum: der Ascht hat ein n dazu
bekommen.
Zum anderen spielt
wohl noch ein anderes Wort beeinflussend in diese
Angelegenheit hinein und hat diese Unsicherheit bezüglich
des sch vielleicht sogar noch geschürt. Man kann
nämlich davon ausgehen, dass auch eine Verbindung zu lau
besteht, ein Wort, das im Hochdeutschen eher im Zusammenhang
mit Temperatur gebraucht wird.
Es stellt sich also
heraus, dass die meisten Wörter in unserer Region, die sich
auf den Mangel an Salz beziehen, ursprünglich die Bedeutung
'schwach, kraftlos' hatten. Die Bedeutung der Wörter hat
sich spezialisiert und in Mundart und Hochsprache
verschiedene Entwicklungen genommen. Offensichtlich spielte
für die Alemannen aber gut gewürztes Essen immer eine große
Rolle, so dass im Zuge der Sprachentwicklung in allen
Regionen ein Wort reserviert wurde, das den Mangel treffend
benennen kann. Das heißt aber nicht, dass diese Worte nicht
auch noch weitere Entwicklungen mitmachen können. Denn wenn
man in Freiamt sagt Die macht aber e schlei Gsicht,
kann man aus dem Zusammenhang entnehmen, dass der Mangel an
Salz hierbei kein Thema ist. Es ist eine Übertragung und
will sagen, dass sich ein solches Gesicht zu einem rosigen,
frischen Gesichtsausdruck genau so verhält wie eine
ungesalzene Suppe zu einer schmackhaften, gut gewürzten
Brühe.
|