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Interessant und apart
BBZ, 25. März 2006
Wenn sich im März
die Schneeglöckchen und Krokusse ihren Weg ans helle
Sonnenlicht erkämpft haben, sprießt es oft auch bei
hellhäutigen Menschen. Die Sommersprossen werden sichtbar,
kleine braune Flecken, die sich auf der ganzen, der Sonne
ausgesetzten Haut bilden.
Noch vor 30 Jahren
hatten Menschen mit Sommersprossen einiges zu erdulden, denn
nicht selten machten sich spottende Mitmenschen über diese
körperliche Besonderheit lustig. Die het em Teufel gholfe
Mischtbrüeih dresche!, sagte man über so jemanden und
das konnte ein sommersprossenübersätes Gesicht schon mal
unter Wasser setzen, auf jeden Fall, wenn es einem zarteren
Gemüt gehörte. Ein bisschen scheint an diesem Satz aber auch
durch, dass man sich immer schon Gedanken machte, wie es
dazu kommt, dass der eine solche Flecken hat und der andere
nicht. Diese „Ursachenforschung“ spielt vielleicht auch in
die Bezeichnung hinein, die im südbadischen Alemannisch an
vielen Orten den Sommersprossen gilt. Vom mittleren
Schwarzwald bis zum Bodensee spricht man nämlich von
Risele oder Märzerisele. Dieses Wort hängt mit ‚Riesel’
zusammen, einem alten Wort für Niederschlag in Form von
Regen, Hagel oder Tau. Wahrscheinlich hatte man das Gefühl,
die Sommersprossen sind Rückstände von einer Form des
Niederschlags, wie etwa Hagelschäden bei Blättern. Dazu
passt auch, dass mancherorts davor gewarnt wurde, Kinder
unter einem Jahr in den Regen kommen zu lassen, weil sich
sonst Sommersprossen bilden würden.
Doch
Risele ist nicht das einzige Wort, das auf der
nebenstehenden Karte erscheint. Schaut man sich die anderen
Bezeichnungen an, fällt auf, dass sich die meisten aus zwei
Wortbestandteilen zusammensetzen, die munter gemischt
werden. Als Grundwörter haben wir es da neben den Riselen
auch mit Sprossen, Flecken und mit Kegeln
zu tun. Bei Sprossen ist leicht herzuleiten, dass das
Wort von ‚sprießen’ kommt, eine Vorstellung, die im
Zusammenhang mit dem Erscheinen der Sommersprossen ziemlich
einleuchtend ist. Auch das Wort Flecken ist leicht
nachvollziehbar. Rätselhafter ist dagegen das Wort Kegel.
Als Märzekegel begegnet es uns im Hegau und westlich
davon. Wahrscheinlich ist dieses Wort durch die Form der
Sommersprossen motiviert, wenngleich sie sich natürlich
nicht kegelförmig erheben. Aber sie sind oft rund wie der
Kegel und vielleicht spielt hier auch wieder ein gewisser
Spott hinein, denn nennt man nicht auch Kothaufen zuweilen
Kegel?
Die
Bestimmungswörter, also die ersten Glieder der in der Karte
verzeichneten Bezeichnungen, sind dagegen in ihrer
Motivation wieder völlig nachvollziehbar. Die Entdeckung,
dass die Sommersprossen nur in der Sonne gedeihen ist dafür
verantwortlich, dass Zusammensetzungen mit den zeitlichen
Angaben Sommer- und März- gebildet wurden. Das
Wort Laubflecken dagegen ist nach einem anderen
Prinzip entstanden. Hier steckt die Vorstellung dahinter,
dass es sich um Flecken handelt, die wie Laub
aussehen, sowohl von der Form als auch von der Farbe her
betrachtet.
Interessanterweise
gibt es zwischen den beiden großen Gebieten Laubflecken
und Risele aber ein paar ganz kleine Gebiete, wo eine
Mischung der beiden Wörter gilt, nämlich Laubrisele.
Dieses Phänomen ist in der Dialektologie des öfteren
anzutreffen: Immer wieder kristallisiert sich in
Übergangsgebieten eine eigene Form heraus, die entweder eine
Mischung von beiden oder eine ganz eigene ist. Manchmal wird
in dem Fall auch auf die hochsprachliche Form ausgewichen.
So ist es zu erklären, dass es auch Meldungen gibt, die nur
aus einem Ort stammen, wie etwa Märzenblümle aus
Urloffen. Aber auch Roßmucken sind im alemannischen
Teil von Baden nur einmal gemeldet, in Möhringen. Diese
haben allerdings ein umfangreiches Hinterland im
Schwäbischen, denn am nordöstlichen Rand von Württemberg
sind sie stark verbreitet.
Wer die Risele
oder Kegel loshaben wollte, dem empfahl man früher,
er solle sich mit Karfreitagswasser oder Milch waschen. Das
hat er oder sie heute nicht mehr nötig, denn inzwischen
gelten die Pigmentflecken, Pippi Langstrumpf sei Dank, sogar
als interessant und apart.
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