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Die Ostbadener tränken nicht nur Kälber
BBZ,
6. August 2005
Bei der Frage nach
dem Gießen von Blumen und Pflanzen gab es in der BBZ-Umfrage
klare Fraktionen: Die einen spritzen und die anderen
tränken. Dennoch gibt es Gemeinsamkeiten, was die Beziehung
dieser Wörter zum Hochdeutschen angeht.
Es gibt Worte, die
so vielseitig in ihrer Bedeutung sind, dass es fast
unglaublich scheint, dass man sich mit ihnen trotzdem genau
ausdrücken kann. Und doch, wenn sie in einem bestimmten
Zusammenhang genannt werden, weiß jeder, was man mit ihnen
sagen will. Spritzen ist so ein Wort. Der Winzer kann
die Reben gegen Krankheiten spritzen, die Hausfrau
kann eine Torte spritzen und die Kinder können die
Eltern nass spritzen, wenn sie gerade am
Planschbecken vorbei gehen. Außerdem kann Fett in der Pfanne
und das Blut aus der Wunde spritzen oder der Patient
gegen Typhus gespritzt werden. In einem großen Gebiet
des südwestlichen Badens werden auch noch die Blumen
gespritzt, wenn man nicht will, dass sie den Kopf hängen
lassen oder gar ganz verdorren. Dem ganzen Spektrum von
"spritzen" wird dort also noch eine Bedeutung mehr dazu
gepackt. Das Gemeinsame bei all diesen Tätigkeiten ist, dass
es um eine Flüssigkeit geht, die als Tropfen oder im Strahl
verteilt wird. Deshalb versteht der, der normalerweise
"gießen" sagt, auch ziemlich schnell, worum es beim
Blumenspritzen geht. Ob er allerdings auch sprütze,
spretze und sprenze versteht, hängt dagegen
etwas von seiner Phantasie ab. Schwer ist es
selbstverständlich nicht, einen Zusammenhang mit spritzen
zu erkennen. Bei sprütze und spretze handelt
es sich ja nur um geringe lautliche Unterschiede. Und von
spretze zu sprenze wiederum ist es auch nicht
mehr weit. Irgendwie hört man den Wörtern schon an, was sie
ungefähr bedeuten. Denn allen gemeinsam ist das
lautmalerische spr am Wortanfang, das in vielen mit
spritzen verwandten Wörtern zu finden ist und das
darauf hindeutet, dass es um ein Hervorquellen geht, das
sprudelt, sprüht, sprenkelt oder sprießt.
Spritzen
ist also ein Wort, das es im Hochdeutschen durchaus gibt,
aber eben nicht in der Bedeutung "gießen". Und genauso ist
es mit dem Wort tränken, das im östlichen Baden für
diese Tätigkeit genannt wird. Auch das kennt man anderswo,
allerdings nur im Zusammenhang mit Tieren oder allenfalls
noch für Sachen, die sich mit Flüssigkeiten vollsaugen
können, wie Holz, Papier oder Schwämme. Vom Blumentränken
hat in Hamburg oder Köln dagegen kaum jemand etwas gehört.
Dabei ist das eine schöne und einleuchtende Vorstellung.
Blumen sind ja ebenfalls Lebewesen und warum sollte man
ihnen nicht auch zu trinken geben? Nun wird der Verwirrung
aber noch die Krone aufgesetzt, wenn aus Fützen oder
Ewattingen gemeldet wird, dass dort nicht die Blumen,
sondern d Striis tränkt werden. Schaut man sich um,
gibt es sogar zahlreiche Orte, wo das ebenso der Fall ist:
Seelenruhig werden da "Sträuße" getränkt und mancherorts
auch gespritzt, womit die Leute genau dasselbe meinen wie
die, die sagen, sie würden Blumen gießen. Da legt der
Ortsfremde dann doch die Stirn in Falten, zweifelt am
eigenen Verstand und ist geneigt zu sagen: "Das kann doch
nicht richtig sein." Denn schon wieder haben wir hier einen
Fall, wo ein Wort aus dem Hochdeutschen zwar bekannt ist,
aber eben nicht in dieser zusätzlichen Bedeutung. Schade,
dass ihm keiner sagt: "Doch, das ist genau richtig." Denn in
der gesprochenen Sprache sollte eine Regel gelten: Richtig
ist, was die Gemeinschaft der Sprecher als richtig ansieht.
Und da reicht es auch, wenn diese Gemeinschaft nur die
Bevölkerung eines Dorfes ist. Das Ergebnis ist Vielfalt, die
wiederum Anlass zum Vergleichen, Nachdenken und auch
Amüsieren gibt. Und wo kämen wir hin, wenn wir, außer dem
Wetter, keinen unverfänglichen Gesprächsstoff mehr hätten?
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