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Der
Ganggo ist keine Eintagsfliege
Badische Zeitung 2. Dezember 2000
Die größte
Überraschung im Zuge der Auswertung der Umfrage zur
Badischen Mundart, bei der mehr als 550 BZ-Leserinnen und
Leser mitgemacht haben, kam bei den Antworten auf die Frage
nach dem gutmütigen Helfer heraus. Erstmals konnte nämlich
die Verbreitung einer mundartlichen Neuschöpfung ausgemacht
werden.
Doch zunächst waren da
mehr als 300 Meldungen zu Tschooli zu sichten, eine
Bezeichnung, die von Offenburg bis Lörrach und vom Rhein bis
über den Schwarzwald allgemein gültig ist. Als Dschooli,
Dschohli, Tscholi, ja sogar als Joli wurde dieser
gutmütige Mann, den man zu allen Arbeiten heranziehen kann,
geschrieben. Besonders die englische Schreibweise mit J
zeigt deutlich: Hier hat der mit der deutschen
Rechtschreibung Vertraute ein Problem, denn die
Lautverbindung tsch kommt im Hochdeutschen gar nicht vor.
Wohl aber im Alemannischen, wie die zahlreichen Beispiele im
Bericht über die Schludde in der letzten Woche schon
gezeigt haben (Tschaudel, Tschumbel usw.). Das Wort
Tschumbel wurde auch in diesem Zusammenhang zehn Mal
gemeldet, ist also auf Männer und auf Frauen anwendbar.
Auffallend an den Wörtern mit Tsch- im Alemannischen ist,
dass gerade in Bereichen der gefühlsbetonten Bezeichnungen
diese Lautverbindung, die möglicherweise aus dem
Alpenromanischen zu uns gekommen ist, häufig anzutreffen
ist. Weil aber der gefragte Begriff stark von
Gefühlsurteilen abhängig ist, sind bei den Antworten der
BZ-Leserinnen und Leser weite Spannen auszumachen.
Während der
Tschooli, besonders wenn außerdem Zusätze wie guet
oder guetmiädig gemeldet wurden, noch mit
wohlwollender Sympathie rechnen kann, spiegeln eine Reihe
von anderen Meldungen nur Hohn und Spott wider. Es hängt
hier einfach davon ab, ob der Sprecher mehr die
Hilfsbereitschaft oder aber den verurteilenswerten
Tatbestand des Sich-Ausnützen-Lassens sieht. So wundert es
nicht, dass relativ oft weniger prägnante Schimpfwörter, wie
Daggel (‚Dackel‘), Depp, Droddel (‚Trottel‘),
Simbel oder auch Waschlappe bzw. Wäschlumbe
gemeldet wurden. Speziell mundartlich und weit verbreitet,
ist der Doddel oder Dodo mit seinen
verniedlichenden Nebenformen Doddeli, Doddli oder
Doddili, mit dem oft eine einfältige Person schlechthin
bezeichnet wird. Ein anderes Wort, Dolle
‚Einfältiger‘, das Ernst Ochs im ersten Band des Badischen
Wörterbuchs im Ausstrahlungsgebiet von Straßburg dingfest
gemacht hatte, wurde folgerichtig aus den entsprechenden
Orten gemeldet: Schutterwald, Friesenheim und Ringsheim. Und
aus dem nicht weit davon entfernten Niederhausen kommt noch
der Dolla dazu.
Andere Bezeichnungen
drücken dagegen mehr die Hierarchie aus, die zwischen dem,
der zum Arbeiten anstellt und dem, der dieser Aufforderung
folgt, besteht. In Ringsheim, Freiburg und Stetten bei
Lörrach kennt man in diesem Zusammenhang den Daaglöhner,
in Ohlsbach, Forchheim und Malterdingen den Knäächd
oder Knaachd und aus Oberprechtal wurde ganz
drastisch der Arschknechd gemeldet. Zu diesem Bereich
gehört auch ein Wort, das auf den ersten Blick ganz
eigentümlich anmutet: Tribeni aus Furtwangen oder
Dribini aus dem Hochschwarzwald. Es handelt sich hier um
den ‚Trippbeni‘, den „dritten Knecht", also den
Allerletzten.
Bestimmte Vornamen
haben das Pech mit dieser gutmütigen, aber etwas
beschränkten Person in Verbindung gebracht zu werden.
Mehrmals gemeldet wurde der Jockel bzw. Joggili
und der Hansele, beides Namen, bei denen auch in
anderen Zusammenhängen, etwa als Bezeichnung für
Fasnachtsnarren, der spezifische Charakter als Eigenname
zurückgegangen ist. Was jedoch der ernsthafte Hermann in
seiner Verkleinerung als Hermännli oder der Leo
hier zu suchen haben, gibt Rätsel auf.
Ein Beweis dafür, dass
die Mundart lebt - denn es kann sich bei dieser
Wortschöpfung um keine Eintagsfliege handeln, immerhin wurde
das Wort 31-mal gemeldet - ist der Ganggo oder, wie
man in Mengen sagt, der Gonggo. Wirklich im Dialekt
verwurzelt ist dieses Wort, denn nur der mit dem
Alemannischen Vertraute, versteht die Satzkonstruktion, die
hier zu Grunde liegt: Gang go hole oder gang go
bringe, die übersetzt werden kann mit der Aufforderung
‚gehe, um zu holen‘ oder ‚gehe, um zu bringen‘. Von den nur
8 % an der Umfrage Beteiligten unter Dreißigjährigen hat
fast ein Viertel dieses Wort gemeldet. Der Rest kam aus der
Gruppe der zwischen 30- und 60-Jährigen, die bei der
Gesamtumfrage 55 % ausmachten. Nur eine Person über 61 Jahre
meldete Ganggo. Beachtenswert ist das
Verbreitungsgebiet, das von Lörrach bis fast nach Freiburg
reicht und dank der überwältigenden Bereitschaft der
BZ-Leser, Auskunft zu geben, erstmals dokumentiert werden
kann. Doch nicht nur die Besonderheiten, auch die normalen
Nennungen sind wertvoll. Deshalb ein großes Dankeschön an
alle Leser, die bei der Aktion mitgemacht haben.
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