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Wer
Vaters Gosche Schnurre nennt, hält sein
Muul
Badische Zeitung 2. November 2000
Dialektwörter, die es
auch in der Standardsprache gibt, dort aber abwertend
gebraucht werden, haben es besonders schwer, sich zu
behaupten. Deshalb hört man heute oft da, wo eigentlich noch
gut Dialekt gesprochen wird, anstatt Ich hab mr s Muul
verbrennt eher die Äußerung Ich hab mr de Mund
verbrennt. Dabei könnten die Dialektsprecher mit der
Vielfalt der Wörter zufrieden sein, die es sowieso schon
gibt, wenn abfällig über den Mund gesprochen werden soll.
Das Muul könnte also weiter wertneutral gebraucht
werden.
Besonders wenn es
darum geht, das Gegenüber harsch zum Stillschweigen zu
veranlassen, wird schon mal stärkeres Geschütz aufgefahren.
Halt d Gosche! kann man da hören, wobei die Gosche
auch durch de Schnabel, d Schnurre, d Schnätter oder
d Schnauz ersetzt werden kann. Ein solchermaßen
Angesprochener darf sich schon beleidigt fühlen, denn all
diese Bezeichnungen sind Übertragungen von Tiermäulern und
das gilt im Allgemeinen immer noch als eine Zumutung.
Allerdings gibt es Abstufungen. Der Schnabel und die
Schnätter sind weniger derb als die Schnurre
oder die Schnauz. Sicher liegt das an den Tieren, die
hier als Bildspender dienten. Vögel, denen Schnabel
und Schnätter zugeordnet werden können, sind zarter
und lieblicher als Säugetiere, die neben Schnurren
und Schnauzen auch Goschen haben können.
Dennoch kann auch hier noch unterschieden werden, wie einer
heiteren Anstandsregel aus Bötzingen zu entnehmen ist:
Sait me zu Vaters Gosche au Schnurre? (sinngemäß: ‚Ist
es möglich, dass du zu Vaters Gosche Schnurre gesagt hast?‘)
Doch auch die
Säugetiere kommen nicht durchweg schlecht weg. Das Hasenmaul
beispielsweise wird gern Meffili genannt und diese
Übertragung auf den menschlichen Mund, die vorzugsweise bei
kleinen Kindern angewandt wird, die gerade lernen, Brei zu
essen, ist durchaus nett gemeint. Wenn das Kind dagegen ein
Schniifeli macht, dann bahnt sich Ärger an,
insbesondere wenn sich dies zu einer Schnüüfle oder
Schnuufle auswächst. Bei einer Schnuufle wird
nämlich der Mund verzogen, indem die Oberlippe nach oben und
die Unterlippe nach unten gewölbt wird. Und das macht
unmißverständlich klar: „So habe ich mir das nicht
vorgestellt." Solche Unmutsäußerungen können jedoch noch
anders bezeichnet werden. Vielerorts kann man auch einen
Lätsch ani drugge. Normalerweise ist mit diesem aus dem
italienischen ‚laccio‘ herzuleitenden Wort eine Schleife
gemeint, wenn sich jedoch der Mund zu dieser Form verzieht,
ist es mit der Schönheit vorbei. In der Lahrer Gegend
dagegen zieht man eine Bridsch. Dieses Wort, das es
in vielen Varianten, beispielsweise als Brodsch und
als Brudsch gibt, wurde irrtümlicherweise wohl mit
‚Pritsche‘ in Verbindung gebracht, einem Wort, mit dem unter
anderen Bedeutungen der Sitzplatz der Handwerker auf der
Stör (im Haus der Kundschaft arbeitend) bezeichnet wurde.
Deshalb kann es in Diersheim vorkommen, dass ein weinendes
Kind eine Bredsch macht, dass drei Schueschder droowe
schaffe kennde. Anderswo hält man es sogar für möglich,
dass siiwe Schuemacher Platz hätte, un jeder het noch e
Gsell debii.
Welche Bezeichnungen
gibt es aber für den Mund, wenn es darum geht, auf den
Wortschwall aufmerksam zu machen, der aus ihm herauskommt?
Natürlich ist auch hier die Gosche stark vertreten.
Die Gosche kann gehen wie ä Wasserstelzearsch
(hierbei denkt man an den wippenden Bachstelzenschwanz) oder
sie kann mit Bettelbutter gschmiert sein (ein Hinweis
auf redegewandte Bettler und Hausierer). Interessanterweise
greift man hier aber auch auf Übertragungen von lauten
Geräten oder Instrumenten zurück, wie der Kläpper
oder der Rätsch, die sonst an Fasnacht zum
Krachmachen eingesetzt werden oder in der katholischen
Kirche an Karfreitag gebraucht wurden. Nicht zu vergessen
ist auch die Klapp, die zwar nicht unbedingt Krach
macht, aber auf und zu geht und einen Redeschwall
herauslässt. Ein Wort, das nur noch in seiner Übertragung
bekannt ist, ist die Lafääte. Hin und wieder kann man
hören I schlag dr glii uff d Lafääte. Dass es sich
hierbei um ein Gestell für ein Geschütz handelt, eine
Lafette, ist dabei längst vergessen. |