Der Eichelhäher:
Schäcker, Hätzle, Herrenvogel
Badische Zeitung 11. November 2000
Mindestens genau so auffällig wie das
Federkleid des Eichelhähers - man erkennt ihn an den
blauschwarz gestreiften Federn an den Flügeln - ist sein
Schrei, der dem Vogel in großen Teilen von Mittelbaden
seinen Namen eingebracht hat. Schäg oder Schääg
heißt er dort, manchmal auch Schägägg oder
Schäcker. Das sind lautmalerische Prägungen, die dem
Geschrei des Eichelhähers, mit dem er nicht nur seine
Artgenossen, sondern auch andere Tiere warnt, sehr
nahekommen. Aber auch in dem Wort Häher, das in seiner
verkürzten Form Häär oder Haar in der
Rheinebene und teilweise in den Schwarzwald hinein bekannt
ist, sind Anklänge an den Schrei des Eichelhähers
festzustellen. Das ist auch kein Wunder, denn das Wort
‚Häher‘ wird ebenfalls auf eine lautmalerische Wurzel
zurückgeführt.
Doch Häär allein ist schwer
auszusprechen. Das wird wohl die Entstehung von
Zusammensetzungen begünstigt haben. Ganz naheliegend ist da
die Verbindung mit Vogel zum Häärevogel, was mit der
Zeit wohl die Vorstellung von einem Herrenvogel
genährt hat, denn so, mit dem Hinweis auf seine stolze
Erscheinung, wurde der Eichelhäher in der Vergangenheit oft
von Dialektsprechern aus dem Markgräflerland und um
Karlsruhe herum bezeichnet. Zufällige Wortähnlichkeiten
machen es also möglich, dass aus dem „Schreier" ein „Herr"
wird.
Allerdings sind die möglichen
Zusammensetzungen mit Hääre oder Heere noch
lange nicht erschöpft. In Schopfheim kennt man den
Heeregäägsi, in weiteren Orten im Wiesental den
Heeregäägis und in Herrenschwand den Heregäck.
Neben lautmalerischen Gründen kann hier die Eigenart des
Eichelhähers zu spotten, also Stimmen nachzumachen,
namengebend gewesen sein, denn wer in Südbaden spottet, der
gäägst. Möglicherweise ist die Entstehungsgeschichte
aber auch anders herum und das Wort gäägse ‚spotten‘
ist aus dem Ruf des Eichelhähers oder dem anderer Spottvögel
entstanden, denn allein schon, ähnlich wie der Vogel,
Gägäägs! zu rufen, reichte früher, um empfindliche
Gemüter zu erregen und wilde Gegenwehr zu entfachen.
Während in der Standardsprache der
Eichelhäher mit den Früchten der Eiche in Verbindung
gebracht wird, ist er im Hochschwarzwald eher als Liebhaber
von Kirschen bekannt und gefürchtet. Allerdings scheint es
sich hier um eine besondere Art des Hähers zu handeln,
vielleicht um den Tannenhäher, der etwas anders gefärbt ist
und einen stärkeren Schnabel besitzt, mit dem er Kirschkerne
und Haselnüsse aufbeißen kann. Auch hier begegnet uns wieder
der Herr in Zusammensetzungen wie Krieseherr. Doch
auch eine Reihe anderer Bestimmungswörter zu Kriese-
oder Chriese- sind zu finden, wie -häher, -dätsch
(was auf Dätsch ‚Schlag‘ im Zusammenhang mit dem
Aufschlagen der Kerne zurückgeht), -hätzle oder
-hex bzw. -hexle. Weiter im Süden ist Hätzle
auch als eigenständiges Wort die Bezeichnung für den
Eichelhäher, ein Wort, das auch anderswo verbreitet ist,
dann aber die Elster bezeichnet.
Vom Schwäbischen her ist noch einmal
eine weitere lautmalerische Variante verbreitet, der Jäk
oder Jaik, dem um Villingen herum wohl eine Vorliebe
für Nüsse nachgesagt werden, denn dort ist er als Nußjäk
bekannt. Wie aus dem Nußjäk allerdings ein Musjäk
werden konnte, wie aus Donaueschingen und einigen
umliegenden Dörfern gemeldet, ist unerklärlich, denn
mäusefressende Eichelhäher sind bislang nicht bekannt.
|