Jeder
Heilige hatte seine Zuständigkeit
Badische Zeitung 4. November 2000
Heilige waren früher für die einfachen
Menschen keineswegs unantastbare Lichtgestalten, die nur von
fern angebetet werden konnten. Im Gegenteil, sie waren die
vertrauten Retter in der Not, ihnen wurden Wunder zugetraut,
ja, man stand mit ihnen auf du und du. Das wird ganz
besonders deutlich an den zahlreichen Sprüchen, die den
Wechsel von Jahreszeiten oder markante Ereignisse im Jahr
beschreiben. Da die Datumsangabe in der heutigen Form nicht
üblich war, wurden solche Termine an Heiligentagen
festgemacht, wobei die entsprechenden Namensgeber in
rührender Weise vereinnahmt werden. Heilige Anne, treibs
Gewitter von danne bittet man am 26. Juli, während am 10.
August, am Tag des Heiligen Laurentius, bereits Entwarnung
in Sicht ist: Lorenz, Wetter verschlänz! (zerreiß das
Donnerwetter!) oder noch deutlicher: Dr Lorenz, dr hets
Dunndrwetter verschlänzt sagt man, weil die Erfahrung
zeigte, dass nach dem Lorenztag Gewitter seltener sind. Ist
es aber bis zum Lorenztag noch nicht richtig heiß geworden,
muss Bartholomäus in die Bresche springen, denn mit
Bardle, Bardle schür! In vierzeh Daag is es an dir hofft
man noch bis zum Bartholomäus-Tag am 24. August die richtige
Hitze zur Ernte zu bekommen. Völlig gegensätzlich hierzu
hält man in Meßkirch aber Bartholomäus für einen Vorboten
des Winters, denn von dort stammt der Spruch Bartolomä,
bringt e Grättle (einen Korb) voll Schnee.
Bevor es jedoch richtig Winter wird,
fällt erst einmal auf, dass die Nächte länger werden und
diese Erscheinung wird mit bestimmten Tagen verbunden. Dr
Michel zünt aa, un dr Josef bloost ab heißt es, weil ab
dem 29. September zu den abendlichen Arbeiten Licht gemacht
werden muss, was ab dem 19. März wieder unterbleiben kann.
Aber auch am Verenentag, dem 1. September, bahnt sich schon
ein Wechsel an. In Breisach erinnert man sich an den Spruch
Verena am Rain, trait s Zobeässe heim, der darauf
hinweist, dass das Abendessen nun nicht mehr auf dem Feld
stattfinden kann, weil es zu früh dunkel wird. Rätselhaft
ist, dass von Verena am (Feld-)Rain gesprochen wird.
Vielleicht ist der Spruch aber an einem Platz entstanden, an
dem eine an einem Rain befindliche Verenenkirche oder
-kapelle zum Feierabend läutete. Obwohl das Zentrum der
Verenen-Verehrung in Zurzach am Rhein zu finden ist, kann es
sich um den Fluss jedenfalls nicht handeln, da der Spruch
auch in Meßkirch bekannt ist und Verena dort am Roi
zu finden ist, und das Abendessen hoi trägt. Außerdem
heißt der Fluss im Dialekt ja auch Riin oder Rii,
der Reim wäre also nicht möglich. Allerdings werden im
Volksmund durchaus auch hochdeutsche Sprüche zitiert, wie
die folgende Weinbauernregel zeigt: St. Blas und Urban
ohne Regen, folgt ein guter Weinsegen.
An Zeiten, wo die abendliche
Winterbeschäftigung hauptsächlich im Spinnen in der
Spinnstube bestand, erinnert der Spruch Lichtmeß, Spinne
vergess un bi Tag z Nacht ess, denn an Maria Lichtmess,
am 2. Februar, wurde gewöhnlich das Spinnrad in die Ecke
gestellt, weil die Feldarbeit begann und draußen länger
gearbeitet wurde. So bekannt war der Spruch, dass auch die
spöttische Erweiterung von jedermann verstanden wurde:
Lichtmeß, Spinne vergess, reiche Leit beim Tag ess, arme,
wenn ses hawe.
Dass nun auch langsam wieder etwas
wächst, dafür sorgt unter anderem Kunigunde am 3. März, wenn
es heißt Kunigund, macht warm von unt‘. Und der
Johannistag am 24. Juni ist für das Gedeihen von Kraut von
großer Bedeutung: Setzt me der Chabis vor Johanni, so
gitts Chabis; setzt me‘n aber drnoo, so gitts Chäbisli
ist im Markgräflerland zu hören.
An Maria Geburt am 8. September darf man dagegen an die
Apfelernte denken, worauf der Spruch Marii Geburt, bringt
d Öpfel in d Hurd verweist. Und dass Studenten und
Schwalben etwas gemeinsam haben, macht sich ebenfalls an
diesem Termin fest: An Marii Geburt flüget d Schwalbe und
d Studente furt hat man in Stockach beobachtet. |