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Herdepfel oder
Grumbiire - schmecken tun sie beide
Badische Zeitung 30.
Oktober 2000
Über die Frage, warum
die Kartoffel in weiten Gebieten des südlichen Badens
Herdepfel heißt, ist schon viel gerätselt worden. Eine
Klärung wird jedoch nicht definitiv möglich sein. Auffallend
ist aber, dass eine lautliche Nähe zu „Erdäpfel" besteht und
die Kartoffel wahrscheinlich in den Herdepfel-Gebieten
erst einmal unter diesem Namen eingeführt wurde. Da „Erde"
aber in der Mundart nicht sehr heimisch ist, weil die
Ackerkrume eher durch die Wörter Grund oder Boden bezeichnet
wird, ist es denkbar, dass sich die Sprechergemeinschaft
eine für sie sinnigere Verbindung gesucht hat, nämlich die
zum Herd, auf dem die Knolle gekocht werden muss, wenn man
sie essen will. Jedenfalls sind solche Formen mit
vorgeschaltetem H schon sehr früh, vor allem in der Schweiz
auszumachen. Aber es gibt, wie an der Karte zu sehen ist,
auch ein keinesfalls unbedeutendes Gebiet, in dem die
Kartoffel immer noch schlicht Erdepfel genannt wird.
Doch ist die Kartoffel
wirklich mit einem Apfel zu vergleichen? Rechtfertigt die
längliche Form nicht eher den Vergleich mit einer Birne, im
Dialekt Biire? Dieser Meinung waren wohl die
Nordbadener, allen voran die Obrigkeit, die den Anbau der
Kartoffel, gerade auch zur Bekämpfung der Hungersnöte,
angeordnet und sie wohl auch unter diesem Namen eingeführt
hat. Das erklärt dann auch, dass mitten im Herdepfel/Herdöpfel-Gebiet
eine Insel liegt, wo die Knolle Grumbiire heißt: das
Markgräflerland, das im 18. Jahrhundert, als die Kartoffel
sich hierzulande durchsetzte, zur Markgrafschaft
Baden-Durlach gehörte. Weil aber nicht nur der Anbau von
Kartoffeln von oben diktiert wurde, sondern zu dieser Zeit
auch die Religionszugehörigkeit, kommt es, dass in
evangelischen Gebieten vorrangig Grumbiire gegessen
werden, während die Katholiken sich eher über allerlei
Gerichte aus Herdepfel freuen. (Ausnahmen bestätigen
die Regel!)
Dass man das Wort
Grund in Grumbiire oder Grumbeere, wie die
Kartoffel unter anderem auch heißen kann, nicht mehr genau
hört, ist nicht ungewöhnlich. Es gibt auch noch einige
andere Fälle, wo ein -nd- in zusammengesetzten Wörtern
verschliffen wird, so bei Hampfele, eigentlich
‚Handvoll‘ oder Hamber bzw. Hamberli, eine
Bezeichnung für Landstreicher, der eigentlich das Wort
‚Handwerker‘ in der Bedeutung ‚umherreisender
Handwerksbursche‘ zugrundeliegt.
Eine dritte Frucht
wird in einem Gebiet um Achern herum zum Vergleich
herangezogen, die Nuss. Dass die Kartoffel dort Erdnuss
heißt, mag für Nichteinheimische schon ein wenig befremdlich
sein, zumal das Wort ja aus der Standardsprache bekannt ist
und dort eine ganz andere Frucht bezeichnet. Es zeigt jedoch
eindringlich, dass es in der Sprache im Prinzip kein richtig
oder falsch gibt, sondern richtig ist, was sich in einer
Sprechergemeinschaft durchgesetzt hat und was dort jeder
versteht. Allerdings gilt dies nur solange bis sich etwas
Neues durchsetzt und das Alte ablöst. Wielange sich also die
Erdnuss um Achern gegen die standardsprachliche
Bedeutung behaupten kann, ist fraglich. Da haben es die
Herdepfel und Grumbiire schon leichter, weil sie
auf diesem Gebiet aus dem Hochdeutschen keine Konkurrenz
befürchten müssen.
Doch, wie gedeiht die
Kartoffel am besten? Anscheinend als Herdepfel. Denn
große Bedeutung hat der Kartoffelanbau in einigen Gemeinden
im Herdepfel-Gebiet, was daran abzulesen ist, dass
gleich die Bewohner der ganzen Gemeinde so genannt und
geneckt werden, wie z. B. die Forchheimer bei Emmendingen,
bekannt unter dem Namen Forchemer Herdepfel. |