Pfetze kann weh
tun, es kann aber auch ein Genuss sein
Badische Zeitung 6. November 2000
Als Ausdruck grober Zuneigung
unsensibler Erwachsener ist bei Kindern (heute vielleicht
weniger) das Zwicken in die Wange gefürchtet. Neben dem
Schucken (dem An- oder Wegstoßen) ist dies auch eine
beliebte Form des Drangsalierens unter Kindern. Wer kann
sich nicht an Worte wie Herr Lehrer, dr Karl het mich
schu wieder pfetzt erinnern? Hierbei muss man nicht
unbedingt aus dem Westen Badens kommen, wo pfetze das
Wort für ‚kneifen‘ schlechthin ist, denn auch in den
Gegenden, wo andere Varianten gelten, wird pfetze
verstanden und nicht selten ebenfalls gemeldet. Dennoch ist
pfetze in unserem Gebiet typisch für den nördlichen
und mittleren Schwarzwald, während Bewohner entlang des
Rheins oder der Rheinebene bis hin zur Vorbergzone des
Schwarzwalds eher die Variante mit dem überoffenen e kennen,
das sich fast schon wie pfatze anhört.
Wenn jedoch weiter südlich, bzw.
östlich pfetze und pfatze seltener ist,
liegt dies weniger daran, dass diese Unsitte unter Kindern
nicht vorkommt, sondern vielmehr wird dort zu der mit
spitzen Fingern oder Fingernägeln vorgenommenen
Einquetschung von Haut chlimme, chlemme oder
klemme gesagt. Dabei kommt es im Einzelfall sogar sehr
auf den Stammvokal an, denn in Todtmoos beispielsweise
besteht ein sachlicher Unterschied zwischen chlemme
und chlimme. Während man mit ersterem ‚einzwängen‘
meint, bezeichnet chlimme das hier zur Diskussion
stehende Pfetzen oder Zwicken.
Doch damit nicht genug. Noch weiter im
Osten, im Klettgau, Hegau und auf der Höri ist chlüübe,
chliibe oder kliibe weit verbreitet, ein Wort,
das sich vom althochdeutschen kliuban ‚spalten‘ ableitet und
mit dem hochdeutschen Wort ‚klauben‘ verwandt ist. Und um
Tiengen bei Waldshut herum spricht man in diesem
Zusammenhang vom Chnüüble. Aber auch zwicke
ist bekannt und wird vereinzelt gemeldet. Es ist dabei aber
auf feine Bedeutungsunterschiede zu achten, die von Ort zu
Ort verschieden sind. So ist es mancherorts nicht möglich,
dass ein Kleidungsstück pfetzt, was anderswo durchaus
üblich ist. Auch s pfetzt mi im Mage oder
gleichbedeutend i ha s Pfetze kann man z. B. am
Kaiserstuhl hören, wo man anderswo eher vom Zwicken spricht.
Doch kaum vorstellbar wäre ein
Viertele zwicke oder klemme. Hier muss auf
jeden Fall pfetzt werden. Der Grund hierfür liegt
wahrscheinlich darin, dass es sich bei dieser Redewendung um
eine Entlehnung aus dem Pfälzischen handelt, wo
ausschließlich pfetze, allerdings in der pfälzischen
Form petze gilt, denn darauf deutet eine Bemerkung
von Ernst Ochs im ersten Band des Badischen Wörterbuchs hin:
„In solchen Wendungen (e Viertele pfetze und
ähnliches) sagen zuweilen auch südlichere Leute petze,
aber bewußt pfälzernd." In einer solchen Redewendung, über
deren Motivation zur Entstehung nur gemutmaßt werden kann,
ist pfetze natürlich nicht durch klemme oder
chliibe ersetzbar, weil es in einem übertragenen Sinn
gebraucht wird. Dass die ebenfalls belegte Pfetzwirtin,
wie um 1926 eine Wirtin zwischen Prechtal und Gutach
bezeichnet wurde, aber mit dem Viertele pfetze etwas
zu tun hat, ist eher unwahrscheinlich. Sie wurde vielmehr so
bezeichnet, „weil sie die Gäste gern mit hohen Preisen
zwickt(e)". |