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Die sprachliche Vielfalt eines
alltäglichen Gegenstands
Badische Zeitung 3.
Juni 2000
Mr wott jo grad
meine, e Chratte wär e Zeine ist ein Kommentar, der
darauf abzielt, die Dinge zurechtzurücken und zwar im Sinn
von "Übertreib mal nicht!" oder "Du hast wirklich eine große
Einbildung!" Das Interessante an diesem Ausspruch ist nicht
nur sein origineller Vergleich, sondern auch die Tatsache,
dass an der Wortwahl erkennbar ist, in welchem Gebiet Badens
der Spruch entstanden sein muss, von dem hier zitierten
ch-Anlaut bei Kratte einmal abgesehen. Denn das
Geltungsgebiet lässt sich deshalb recht gut eingrenzen, weil
hier gleich zwei Worte verwendet werden, die nicht im ganzen
Sprachgebiet gelten, sich in ihrer Verbreitung aber auch
nicht genau decken.
Betrachten wir erst
einmal den Korb aus Weidengeflecht mit zwei Henkeln, wie man
ihn früher zum Kartoffelauflesen gebraucht hat und der in
weiten Teilen des alemannischen Badens Zeine genannt
wird. Die Herkunft der Bezeichnung geht auf Zein
zurück, ein altes Wort für ‚Gerten‘ oder ‚dünne Zweige‘. Das
Wort ist so alltäglich, das ganz nebenbei auch die eine oder
andere Übertragung entstanden ist. So kann zu einer nervösen
oder aufgeregten Frau auch mal gesagt werden: Sell isch e
verrugdi Zeine!
Doch obwohl Zeine
im deutschen Teil des alemannischen Sprachgebiets so
übermächtig ist, gibt es auch noch andere Wörter, die einen
Gebietsanspruch erheben. Da wäre zunächst das Wort Korb,
das nördlich von Freiburg für die Rheinebene gilt.
Überraschenderweise ist das Wort aber auch in der Schweiz
weit verbreitet und tritt dort mit Zeine in starke
Konkurrenz. Dagegen ist eine andere Bezeichnung für den
zweihenkligen Korb, die nur in einem kleinen Gebiet im
Hotzenwald bis zur Schweizer Grenze zu finden ist, in der
Schweiz gar nicht sehr verbreitet: der Schiiner,
dessen sprachliche Herkunft Rätsel aufgibt. Aber noch
seltener ist der Kucher, der im Badischen nur in
wenigen Orten gemeldet wurde, auf der Schweizer Seite jedoch
noch etwas Unterstützung findet. Dieses Wort ist mit dem
mittelhochdeutschen Wort kucher verwandt, das soviel
wie ‚Gefäß‘ bedeutet. Und schließlich muss noch auf das Wort
Schiid oder Schiide verwiesen werden, das vom
Schwäbischen her bis an den östlichen Rand des mittleren
Schwarzwalds verbreitet ist. Aus dieser Gegend ist daher
auch folgender Vers: Annele, Susannele, wie machd mr den
dr Kääs? Me legd en in e Schiidili, un drugd en mid em
Fiidili (verniedlichend für ‚Hintern‘), drum isch dr
Kääs so rääs (‚versalzen‘).
Doch wie steht es nun
mit dem eingangs erwähnten Chratte, nördlicher auch
Kratte genannt? Dieser kleinere Korb mit nur einem
Henkel oder mit zwei kleinen Henkeln auf der selben Seite
zum Umschnallen, ist in dieser Wortgestalt weit verbreitet,
gerade auch da, wo bei der zweihenkligen, großen Variante
das Wort Korb gilt. Dagegen heißt er im mittleren
Schwarzwald eher Boge- oder Griesekorb. Im
Markgräflerland und am Bodensee, sowie in einer kleinen
Region im mittleren Schwarzwald decken sich die
Geltungsgebiete jedoch und dort nur kann der oben erwähnte
Spruch her sein, auch wenn er mittlerweile eine weitere
Verbreitung erfahren hat. |