Der Propellerstecher, der
ein Augenbohrer wurde
Badische Zeitung 7. Juni 2001
Obwohl viele Leserinnen und Leser beim
mundartlichen Namen für die Libelle passen mussten - es gab
344 Fehlmeldungen -, kam bei der BZ-Mundartumfrage doch eine
beachtliche Menge an Bezeichnungen zusammen, die es sogar
ermöglichte, auf der Karte bestimmte Gebiete auszuweisen.
Deutlich kristallisierte sich heraus, dass die
Wasserjumpfere eher im Süden zu Hause ist, während im
Breisgau und der Ortenau überwiegend die Deifelsnoodle
zu finden ist. Nicht selten wurde jedoch die
Wasserjumpfere auch in diesem Gebiet genannt, besonders
am Rhein entlang von Jechtingen bis Kappel und im Dreisamtal.
Doch das ist beileibe nicht alles, was
den Leserinnen und Lesern eingefallen ist. Etwa sechzig
verschiedene Bezeichnungen, viele davon nur einmal genannt,
zeugen nicht nur von der Vielfalt, die in der Mundart
steckt, sondern zusätzlich von den unterschiedlichsten
Motiven, die bei der Benennung eine Rolle gespielt haben.
Denn das durch seine Farbe und Gestalt auffallende Insekt,
dem nicht selten gefährliche Eigenschaften zugeschrieben
wurden, hat von jeher die Phantasie des Betrachters
beflügelt - eigentlich bis heute, wie sich noch zeigen wird.
Da ist als erstes der lange, schmale Körper zu nennen, der
an eine Nadel erinnert, eine Vorstellung, die von dem Hin-
und Herschießen der Libelle, das als ein Nähen empfunden
worden ist, noch gestützt wurde. Seinen Niederschlag fand
dies in Bezeichnungen wie Deifelsnoodle, sowie in
Bachnoodle (Buggingen), Hornisnoodle (Eschbach),
Eelnoodle (Sasbach) und in den öfter genannten
Wassernoodle, Giftnoodle und Hexenoodle. Aber
auch die Vorstellung von einem Nagel ist möglich, wie der
Deifelsnagel aus Opfingen zeigt. In Wieden fühlt man
sich dagegen mehr an einen Pfannestiel erinnert. Auf
jeden Fall sagte man der Libelle unberechtigterweise
schmerzhaftes Stechen nach, wovon Namen wie
Stechschwadere (Jostal, Titisee, Neustadt), Stupfer
(Günterstal) und Propellerstecher (Furtwangen)
zeugen. Ein Insekt, das ebenfalls mit schmerzhaften Stichen
in Verbindung gebracht wird, ist die Hornisse, von
der man um Todtnau dann gleich noch den Namen für die
Libelle ausgeborgt hat. In Kleinkems und Herrischried ist
dies ebenfalls möglich, dort heißt sie dann Hornausle.
Neben dem länglichen Unterleib der Libelle ist aber auch der
große Kopf auffallend, was sich im Namen Rosskopf
(Gengenbach, Hausen i. W.) widerspiegelt.
Verbreitet war früher der Aberglaube,
dass die Libelle den Augen gefährlich werden konnte. Zu
diesem Benennungsmotiv zählt das aus Schopfheim gemeldete
Augenbohrer. Oder sollte man nicht besser gleich den
ganzen Kopf in Sicherheit bringen? Der Name Hirnschiäser
um Furtwangen deutet jedenfalls darauf hin.
Nun fällt die Libelle aber
unbestreitbar auch durch ihre Anmut und Schönheit auf, was
ebenfalls die Phantasie angeregt hat. Namen, wie Wasser-,
See-, Bach- oder Deichjumpfere sind auf diese
Vorstellung zugeschnitten, zumal sie auch noch den häufigen
Aufenthaltsort der Libelle miteinbeziehen, während das aus
Lörrach gemeldete Brutjüngferli oder das Elfli
aus Kollnau nur auf die Anmut Bezug nimmt. In Oppenau steht
dagegen das Schillern der Flügel im Vordergrund. Dort heißt
die Libelle Schillebolde. Nicht mehr ganz so
bezaubernd, aber dennoch anrührend, ist dagegen die
Bezeichnung Wasserwiibli aus Ödsbach. Ob die
Bezeichnung Franzosemuck aus Kiechlinsbergen
ebenfalls in die Kategorie „Anmut" gehört, ist dagegen
fraglich: Dachte man hier an den französischen Chic und
Charme oder vertrat man die Auffassung, dass so ein
außergewöhnliches, fremdartiges Geschöpf nur aus dem Ausland
kommen konnte?
Natürlich sind in den Leserantworten
auch eine Menge Übertragungen zu verzeichnen. Vom
Schmetterling über Schniider und Bremse
bis zur Schnooge wurde allerhand genannt. Dazu kommen
auch Namen, die nach Gelegenheitsbildungen aussehen, wie
Brummer und Brüüser. Relativ häufig wurde aber
eine völlige Neubildung genannt, die einmal mehr zeigt, dass
die Sprache lebt. Die Ähnlichkeit der Libelle mit einem
Hubschrauber führte zu genau dieser Bezeichnung. Manchmal
wurde das Wort der Mundart noch etwas angepasst: In
Dörlinbach und Vörstetten kennt man Hubschruber, in
Altdorf Hübschrauber und in Endingen und St. Georgen
bekommt das Ganze einen verspielten Charakter: Dort sagt man
zur Libelle Hubschrauberli. |