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Seicher oder Schisser: Der
Löwenzahn hat's schwer
Badische Zeitung 9. Juni 2000
Es gibt einige Pflanzen, deren Namen nur
wenigen Dialektsprechern geläufig sind und dann wieder
andere, die jeder benennen kann, oft sogar mit mehreren
Namen. Hierzu zählt der Löwenzahn, mit dessen gelben Blüten
im Frühling ganze Wiesen übersät sind. Nicht nur seine
Namenvielfalt ist erstaunlich kleinräumig, auch die Aspekte,
die namensgebend waren, suchen in der Wortgeographie
ihresgleichen. Besonders die harntreibende Wirkung des
jungen Löwenzahns, der gern als Salat gegessen wird, war bei
der Namensgebung produktiv und schlägt sich in Bezeichnungen
wie Bettseicher, Seicher, Seichblueme und, etwas
weniger derb, Brunzblueme oder Brunzerli
nieder, die besonders häufig in Mittelbaden anzutreffen
sind. In zwei kleinen Gebieten im mittleren und nördlichen
Schwarzwald kommt es gar noch dicker, denn dort wird diese
unschuldige Pflanze Bettschisser genannt.
Anderswo wird die Staude gerne mit den Tieren in Verbindung
gebracht, die sie mit Vorliebe fressen. Vor allem zwei
Vierbeiner scheinen hier in Frage zu kommen, das Pferd und
das Schwein. Selbstverständlich heißt der Löwenzahn dann
mundartlich Roßblume, was besonders für die Gegend um
Freiburg und den daran anschließend Schwarzwald gilt, und im
südlichen Markgräflerland und dem Hotzenwald Saublueme,
Saustude (‚Saustaude‘), Saustock oder
Saudätsch, bezugnehmend auf den rosettenartigen, wie
flachgedrückt erscheinenden Blätterkranz. Auch die
Morestude, bzw. die Morewurzle gehört in die
Kategorie der durch Tiernamen motivierten Bezeichnung, denn
eine Mor ist eine Muttersau, die als säugendes Tier
ja ein besonderes Anrecht auf diese nahrhafte Pflanze hat.
Wer schon einmal Löwenzahnblüten
gepflückt hat, weiß, dass die Stiele dabei eine weiße,
milchartige Flüssigkeit absondern. Diese Eigenart hat
besonders auf der Höri und in der badischen Bodenseegegend
Eindruck gemacht, denn dort sind Namen wie Milcher
oder Melcher, Milch-, Milchet- oder Milchlingstock
anzutreffen. Westlich von diesem Gebiet dagegen wird eher
die besonders von Kindern bevorzugte Seite der Pflanze
geschätzt: Die hohlen Stiele eignen sich hervorragend dazu,
Ketten herzustellen, die zwar nicht besonders stabil, dafür
aber leicht und schnell zu fertigen sind. Wir haben es daher
dort (weil in einem Gebiet, wo k im Anlaut zu ch verschoben
wird) mit dem Chettemestock, bzw. der
Chettemeblueme oder der Chettenestude zu tun. Die
gleichen Gesichtspunkte haben wohl auch südlich von
Karlsruhe und in einem kleinen Gebiet im Rheinknie eine
Rolle gespielt, wo man die Schlangenblume und
ähnliche Varianten findet.
Die verschiedenen Bezeichnungen, die im
alemannischen Sprachraum existieren, lassen sich hier gar
nicht alle aufzählen. Erwähnt werden soll nur noch der
Sonnenwirbel, der auf der Baar und an der Donau zu
finden ist, eine Bezeichnung, deren Herkunft leicht zu
durchschauen sind. Das kann man nun von dem Bissangeli,
wie die jungen Löwenzahnpflanzen in Breisach und anderen
Orten entlang des Rheins genannt werden, überhaupt nicht
sagen. Ganz treuherzig mutet uns dieser Name an, dabei ist
es nur die französische Form von Bettseicher, eine
Verballhornung von "pisse en lit".
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