Auf ein dünnes Brötle
gehört ein dickes Müsle
Badische Zeitung 8. Juni 2000
E dinns, dinns Bräädli un e dicks, dicks
Miesli (‚ein dünnes, dünnes Brötle und ein dickes, dickes Müsle‘)
haben die Alten schon früher gesagt und mit dem Miesli nicht
etwa den zu neuen Weihen gelangten Getreidebrei oder die bekannte
Flocken-Nuss-Mischung gemeint, sondern den süßen Brotaufstrich aus
Früchten, hochdeutsch ‚Marmelade‘ oder ‚Konfitüre‘ genannt. In einer
Zeit, in der Zucker und Süßigkeiten kostbar waren, war dies eine
auserlesene Köstlichkeit, die den Gaumen kitzelte und das spiegelt
sich auch in den Bezeichnungen wieder, die diesem Brotaufstrich
landauf, landab gegeben wurden. Schlicht und einfach Guts,
mit den Nebenformen Gutsi, Gu(e)tsili, Güds, Güdsi und
Güdseli wird die Marmelade vom Breisgau bis nach Lörrach
genannt, wobei bei den ü-Formen kindersprachlicher Einfluss
angenommen wird, ebenso durch die verniedlichenden i- und
-ili-Anhängsel. An vielen dieser Orte stehen diese Bezeichnungen in
Konkurrenz mit der Benennung für Bonbon, meist wird aber innerhalb
des Ortsdialekts streng unterschieden. Das Hueschdegüdseli,
mit dem ja nicht nur das Hustenbonbon, sondern auch sehr kleine
Autos bezeichnet werden, steht mit seiner Bekanntheit hierfür, denn
neben dem Chuchichänschterli wird dieses Wort oft und gern
als Prüfwort für Nicht-Dialektsprecher genommen, die erste
Sprechversuche machen wollen.
In der Ortenau deutet das weitverbreitete Schleck oder
Schlecks, mit seinen Verkleinerungen Schlecksl, Schlecksli,
Schleckl oder Schleckli darauf hin, dass es sich bei
dieser Frucht-Zucker-Mischung um etwas ganz besonders Leckeres
handelt, während im Elztal ein anderer Aspekt hervorsticht: Dort
wird die Marmelade Strichi genannt und damit ihre
Streicheigenschaft betont. Hier tritt die Bezeichnung oft in
Konkurrenz mit der für das ganze bestrichene Brot, dem weit
verbreiteten Stricher. Vom Hotzenwald bis zum Bodensee
dagegen wird einfach seine Herstellungsweise obenan gestellt. Dort
spricht man von Iigmachts, Iigmags, Iibmachts, aber auch von
Iikochets und, wenn es dann zum Schwäbischen hingeht, von
Eigmacht und Eigmags. Doch auch das im Schwäbischen stark
verbreitete Gsälz kann man im Badischen, beispielsweise auf
der Baar, finden. Obwohl die Marmelade nun wirklich nichts mit Salz
zu tun hat, steckt dieses Wort hier drin, denn mit Salz wurden zu
einer Zeit, wo es noch keine Einmachgläser und Kühltruhen gab, viele
Nahrungsmittel, besonders Fleisch, haltbar gemacht. Die Bezeichnung
wurde dann beim Aufkommen anderer Konservierungsmethoden einfach auf
diese Produkte übertragen.
Das eingangs erwähnte Mues oder Miesli
hat aber auch sein Stammgebiet. Vor allem im südlichen Schwarzwald
ist es zu finden, oft mit der Erweiterung Beermues, ein
Hinweis darauf, dass in den rauheren Lagen des Schwarzwalds vor
allem Beeren als Grundlage zur Herstellung von Marmelade dienten.
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