Kiigeli, Chluggere,
Dutzerli, Rübling -
Hauptsache es
gruugelet
Badische Zeitung 12. Juni 2001
Ähnlich wie beim Bibbeli zeigt
sich bei der kleinen Spielkugel aus Marmor, Glas oder Ton
ein mehrschichtiges Bild, wozu hier noch sachliche
Unterschiede kommen, die zum Teil gemacht werden. Da ist es
mancherorts bedeutend, aus welchem Material die Kugel ist
oder welche Größe und damit Stellenwert im Ensemble sie hat.
Da die Frage jedoch zu allgemein gestellt war, müssen diese
Unterschiede hier größtenteils ausgeblendet werden.
Erwähnenswert sind aber die Erdekiigeli (Dörlinbach
und Grafenhausen) und Erdegruugeli (Niederhausen),
deren Name auf ihre tönerne Eigenschaft hindeutet und die
selbst hergestellten, rätselhaften Grapüller aus
Friesenheim.
Ein überraschendes Bild ergibt sich, wenn die verschiedenen
Schichten der Lesermeldungen betrachtet werden. Es scheint
sich bei der Murmel nämlich in erster Linie um ein
städtisches Spielzeug gehandelt zu haben, das erst spät
seinen Weg aufs Land, zumindest in Gegenden mit
Streusiedlung, wo Kinder nicht so einfach zum Spielen
zusammenkommen konnten, gefunden hat. Dies zeigt sich daran,
dass das aus der Hochsprache gekommene Murmel, der Mundart
angepasst als Murmle, zwar flächendeckend aus dem
ganzen Gebiet gemeldet wurde, sich im Schwarzwald aber
nicht, wie in den städtischen Zentren, darunterliegende sehr
lokale Bezeichnungen festmachen lassen. Allenfalls noch das
allgemeine Kiigeli (‚Kügelchen‘) oder ein paar
verstreute Gligger oder Glugger, immer
natürlich auch in der Verkleinerung, sind da auszumachen.
Im Rheintal sieht das Bild dagegen
anders aus. Dort gibt es unterhalb der Murmle-Schicht
unverkennbare Gebiete, von denen das größte das
Markgräflerland bietet, wo man zur Murmel Chlugger,
Chluggere, Chlügger, aber auch sehr häufig Glugger
sagt, selbst in Regionen, wo k im Anlaut immer als ch
ausgesprochen wird. Dass dies kein Versehen der Einsender
ist, wird an Meldungen wie Gluggerchügeli aus
Schwörstadt deutlich. Selbstverständlich zählen zu diesen
Formen auch die Verkleinerungen, also Chlüggerli,
Chliggerli, Gluggerli, Glüggerli und Gliggerli.
Allerdings dünnen die Belege am Ostrand des ausgewiesenen
Gebietes langsam aus, der Übergang zum restlichen
Schwarzwald macht sich da schon bemerkbar. Innerhalb des
Chlugger-Gebietes gibt es dann noch einmal
ortsspezifische Meldungen, wie die Dutzchugel oder
das Dutzerli aus Wehr oder der Dötscher aus
Haagen und Hauingen. Auch in Eichen, Langenau und Schopfheim
gibt es eine eigene Tradition. Dort spielte man mit dem
Böller. Noch viele solcher ortsspezifischen Namen ließen
sich anführen. Stellvertretend dafür kann aber nur noch das
Päskiigeli aus Hochstetten bei Breisach genannt
werden. Nur in Breisach komme diese Bezeichnung vor, wurde
schon in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts berichtet,
wobei sein Name auch heute noch nicht eindeutig geklärt
werden kann.
Das Gruugeli, das ebenso wie
das Kiigeli einen eher allgemein gehaltenen Namen
hat, kommt es doch von gruugele (‚kullern‘), kann im
Gegensatz zum Kiigeli ein eigenes Gebiet vorweisen.
Ganz massiv tritt es nämlich am Kaiserstuhl auf und
gruugelet bis vor die Tore von Freiburg. Dort wird es
entschieden gestoppt, denn in Freiburg spielten die Kinder
mit dem Ribling, was 50 von 79 Einsendern aus
Freiburg (ohne Stadtteile) mitteilten. Dazu kommen
zahlreiche Meldung aus der näheren Umgebung. Eine weitere
Ribling-Hochburg ist in Waldkirch und Kollnau
auszumachen. Dort scheint das Wort aber lang ausgesprochen
zu werden, denn viele Leser schrieben ausdrücklich
Riibling. Beim Ribling handelt es sich um ein
ausnehmend interessantes Wort, denn Nachforschungen ergaben,
dass hiermit ursprünglich der Würfel bezeichnet wurde. Als "Rübling"
taucht er in der Literatur immer wieder auf und gehörte auch
zum Wortschatz des Rotwelschen, wie die deutsche
Gaunersprache genannt wird. Das Wort geht auf das
althochdeutsche Wort "ruoba" zurück, was ‚Zahl, Aufzählung‘
bedeutet. Über den Würfel, bei dem es ja um Zahlen geht, hat
sich dieses Wort also bis auf den heutigen Tag behauptet,
wenngleich die Bedeutung der kleinen Spielkugel langsam
verblasst.
Aber auch in und um Lahr, sowie in
einem kleinen Gebiet nördlich von Offenburg, gibt es ein
eigenes Wort: Schneller oder Schnellerli, ein
Wort, das zusammen mit Ritscherli (‚Feldsalat‘) als
Kennwort für die Gegend um Lahr gelten kann. |