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Die
einen schelte gern, die anderen schimpfe
lieber
Badische Zeitung 3. November 2000
Es scheint fast so,
als wäre es mit dem Schimpfen in Süd- und Mittelbaden eine
klare Sache, entweder man gehört zur Fraktion schelte,
die fast die ganze Region einnimmt, oder aber man gehört zu
der Abteilung schimpfe, die sich ausgehend vom
Südwest-Zipfel Badens entlang des Hochrheins bis zum
Bodensee hin erstreckt. Dass das Schimpfe auch in der
Schweiz ziemlich verbreitet ist, soll hier nur am Rand
erwähnt werden. Allerdings gibt es bei diesem Wort eine
Besonderheit, in der es sich vom Hochdeutschen
unterscheidet. De Vadder het gschumpfe sagt man in
der Vergangenheitsform, für Nicht-Dialektsprecher ein
seltsamer Höreindruck und für Dialektsprecher ein
Stolperstein in der hochdeutschen Konversation.
Doch diese einfache
Verteilung von schelte und schimpfe täuscht
ein wenig, denn es gibt ein paar kleine Gebiete, in denen
ein anderes Wort bevorzugt wird. Gerade im Südwesten, wo
diese beiden Großbereiche aufeinandertreffen, ist es
auffällig, dass dazwischen ab und zu Puffer auftreten, wo
ein ganz anderes Wort gilt, wie etwa balge in ein
paar Orten des Wiesentals. Dass dieses Wort mit dem aus dem
Hochdeutschen bekannten ‚herumbalgen‘ in Verbindung gebracht
werden kann, scheint sicher; zu der Frage, woher das Wort
kommt, ist im Badischen Wörterbuch allerdings nichts zu
finden. Sollte es sich hier um eine Übertragung ins Verbale
handeln von balgen im Sinne von ‚das Fell gerben‘? Für
Tunsel und Grißheim ist diese Frage nicht relevant, denn
dort sagt man zu „schelten" lärme, ein Wort das es
auch in der Standardsprache gibt und sich letztlich vom
italienischen „alle arme", wörtlich übersetzt ‚zu den
Waffen‘, herleitet. Lärme ist jedoch noch in einer
anderen Gegend stark vertreten, und zwar in Mittelbaden um
Oberkirch. Dort behauptet es sich als Insel inmitten von
schelte. Dass das Schimpfen meist mit einer gewissen
Lautstärke verbunden ist, lässt sich nicht nur an diesem
Wort ablesen, sondern auch an briäle (‚brüllen‘), wie
es in ein paar Orten westlich des Tunibergs heißt. An diesem
Wort zeigt sich auch sehr eindrucksvoll, wie kleinräumig die
Bedeutung einzelner Wörter sein kann, denn wenige Kilometer
nordöstlich meint man mit briäle ‚weinen‘.
Nun täuscht die
einfache Verteilung zwischen schelte und schimpfe
noch in anderer Hinsicht, denn die Vielfalt von Ausdrücken,
die in diesem Wortfeld vorhanden ist, ist beeindruckend. Man
kann gosche, weddere, teufele oder werche, man
kann aber auch briäsche, muule oder deebere.
Diese Wortvielfalt kommt zum einen daher, weil es sich hier
um ein Wort handelt, das auch ein Gefühlsurteil
miteinschließt, es also auf feine Nuancen ankommt. Zum
anderen besteht aber gerade auch bei solch emotional
besetzten Wörtern das Bedürfnis, neue, unverbrauchte Wörter
zu finden oder dem Ausdruck noch etwas mehr Schärfe zu
geben. Da greift man auch gern auf Bilder zurück, wie das
des Gewitters (weddere, aber auch briäsche,
mit dem man auch das entfernte Brausen bezeichnen kann), den
Teufel (teufele) oder hartes Arbeiten (werche).
Beim Gewitter sind auch Übertragungen in die andere Richtung
bekannt. De Himmelvatr balged kann man nämlich in
Schwerzen zu Kindern sagen, wenn es donnert, während man im
Kinzigtal einfach sagt: Es balgt.
Dass die bösen Worte
beim Schimpfen aus dem Mund kommen, lässt sich an den
Bezeichnungen gosche und muule ablesen, die im
übrigen auch beide in der Bedeutung ‚verhalten Widerworte
geben‘ bekannt sind. Und wie steht es mit dem Wort
deebere oder deewere, das man durchaus auch in
seiner verhochdeutschten Variante ‚töbern‘ hören kann? Hier
wird dem einfachen Schelten die Krone aufgesetzt, denn hier
geht es auf jeden Fall laut und zornig zu. Das Wort ist eine
intensivierende Ableitung von ‚toben‘, das im Alemannischen
zwar bekannt, aber nicht sehr verbreitet ist, während
deebere oder dööbere im ganzen Gebiet unserer
Karte und darüberhinaus gebraucht wird. |