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Vom Kauern,
Gleiten, Schleifen und Schliddern
Badische Zeitung 6.
Juni 2000
Jeder Mundartsprecher
kennt es: Das Gespräch kommt auf ein Thema, bei dem es im
Dialekt einen Begriff gibt, mit dem treffend ein ganzer
Sachverhalt wiedergegeben werden kann. Im Hochdeutschen
dagegen muss eine Umschreibung gesucht werden, weil der
ganze Zusammenhang, in dem das Wort steht, miterklärt werden
muss. Eine solche komplexe Angelegenheit ist das Rutschen
auf einer zufällig entstandenen oder durch fleißige
Kinderhände geschaffenen Eisbahn. Selbstverständlich hatte
man auf dem Land, wo man mit solchen Schlitterbahnen vorlieb
nehmen musste, keine Schlittschuhe, sondern rutschte ganz
einfach auf den Schuhen. Das alles muss als Hintergrund
mitbedacht werden, wenn Dialektsprecher vom schliifere,
schliisere, schluudere, vom gluddere, hiirle oder
schlipfere sprechen.
Da fällt zunächst
einmal auf, dass im südlichen und mittleren Baden Formen von
schliife, schliifere und schliffe
vorherrschen. Man braucht nicht viel Phantasie, um hier eine
Verbindung zu ‚schleifen‘ zu ziehen. Aber was hat nun
‚schleifen‘ mit dem Rutschen auf dem Eis zu tun? Ein Blick
ins Herkunftwörterbuch gibt Aufschluss: Das Wort ‚schleifen‘
gehört zu einer Wurzel, deren Bedeutung mit ‚gleiten‘ oder
‚reiben‘ umschrieben werden kann.
Da passen dann auch andere Varianten, wie das zur Schweiz
hin bekannte schliisere und schlissere, oder
das in Stockach verwendete schliipfere und das in ein
paar Orten bei Emmendingen gesprochene schlipfere
ganz gut dazu.
Gerade bei solchen
Begriffen, die von der Hochsprache nicht gestützt werden,
ist der Variantenreichtum besonders groß. Die Bezeichnungen
wechseln von Ort zu Ort, oft nur durch geringfügige
Abweichungen unterschieden. Die Karte kann daher nur einen
groben Überblick geben. Rutsche im Hanauerland, mit
seiner Variante ritsche scheint gar nicht so
eigenartig zu sein. Dagegen wird es in einem Streifen vom
Rhein bis nach Elzach noch einmal eigentümlicher. Dort
spricht man von schluudere oder schlüüdere.
Eine Anknüpfung an ‚schleudern‘ ist denkbar, aber nicht ganz
gesichert. Bei Formen wie gluudere oder gluddere
kann man aber von Vermischungen der Varianten schluudere
(bzw. seiner Kurzform) und nordbadischem glinne oder
hochdeutschem gleiten ausgehen. Auch andere Mischformen wie
schlussere (im mittleren Schwarzwald) oder
glintsche (in der Rastatter Gegend) sind bekannt. Oder
steht gluddere vielleicht doch in Verbindung mit dem
gleichlautenden Mundartwort für ‚mit Wasser spielen‘? Der
Bezug zum Wasser kann bei dem Spaß auf dem Eis nämlich noch
bei einem anderen Wort hergestellt werden: Im Elztal, dem
Glottertal und Teilen des Schwarzwalds kennt man die
Bezeichnungen schuusere, schuuse und ähnliche, auch
kurz gesprochene Varianten. Dieses Wort wird auch für die
Bezeichnung des kräftigen Heraussprudelns und schnellen
Fließens von Wasser verwendet.
Und was bedeutet
eigentlich hiirle, wie es in Rheinbischofsheim heißt?
Ganz einfach, das ist eine Weiterbildung zu dem Mundartwort
huure, das nichts anderes als ‚kauern‘ bedeutet. Beim
hiirle wird also in hockender Stellung auf dem Eis
gerutscht.
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