Schludde
heißt an der Wiese
Chutz
Badische Zeitung 25. November 2000
Was wenn diä vun de Badische
Zittung wisse? Wiä mer anere Frau sait, wu uumeeglich
oozooge doher kunnt?He, ä Schludde isch des, oder ischs
ement ä Schlambe? Jawohl, sowohl das eine als auch das
andere und noch viel mehr. Überwältigend war das einfach,
was den Lesern der Badischen Zeitung zur Klärung dieser
Frage eingefallen ist. Über 550 Zuschriften, zum Teil mit
mehrfachen Angaben, trafen ein, und deckten in hoher Dichte
ein Gebiet ab, das in seiner Ausdehnung von Offenburg bis
Lörrach reicht und sich im Osten in dieser Länge bis über
den Schwarzwald erstreckt. Dabei kamen zum Teil
überraschende Ergebnisse zu Tage, gerade, was die
Herausbildung regionaler Besonderheiten angeht.
Nicht überraschend, aber dennoch in
ihrer Angabe wertvoll, weil damit Aussagen über die
Verbreitung des Gebietes gemacht werden können, waren die
Meldungen Schludd(e) und Schlamb(e) (in vielen
verschiedenen Schreibweisen) für die unordentlich gekleidete
Frau. Überall, mit Ausnahme vielleicht des oberen Elztals
und dessen näherer Umgebung, ist die Schludd(e)
bekannt, die insgesamt 239 Mal gemeldet wurde. Die
Schlamb(e) steht dieser Verbreitung mit 163 Meldungen
kaum nach, ist demnach überall verbreitet, wurde aber wohl,
weil das Wort auch aus der Hochsprache bekannt ist, weniger
als dialektal empfunden. Doch Angaben, wie Schlamberi
(oder Schlomberi), Schlambigi, sowie
Schlambwiib oder gar Schlammpaddlä zeigen, dass
Bildungen mit Schlambe im Dialekt durchaus heimisch
sind. Zum Leitwort Schlambe zählen auch die
Kollektivbildungen (d. h. Zusammenfassungen mit der Vorsilbe
Ge- nach dem Muster ‚Busch‘ - ‚Gebüsch‘) Gschlamb
und Gschlomb aus Elzach, Yach, St. Märgen und St.
Peter. In diesem Gebiet, wo Breg, Gutach und Elz
entspringen, scheinen Kollektivbildungen überhaupt beliebt
zu sein, denn von dort stammen Angaben, wie Gschläärb,
Gschlapp und Gschombel. Die letzten drei
Bezeichnungen vielleicht weniger, aber alle Bildungen mit
Schlambe haben mit dem Wort Schludde gemein, dass
wortbildend die Vorstellung von schlotternden,
herumhängenden Kleidern oder Kleiderfetzen gewesen ist. Das
gilt auch für eine Ortenauer Besonderheit, die sechs Mal
gemeldet wurde, die Bambel, die von bampeln
‚baumeln‘ hergeleitet werden kann. Lediglich aus
Gundelfingen gesellt sich hier noch die Bamble dazu.
Ganz in der Südwestecke bei Lörrach gibt es dann noch eine
Ansammlung von Chluddere, eine Wortbildung, der
ebenfalls die Vorstellung von zu weiter, schlotternder
Kleidung zugrunde liegt.
In Freiburg und Umgebung ist die
Huddle stark vertreten, die auch in den Erweiterungen
Dreckhuddle und Bachhuddle auftritt. Gerade das
letzte Wort führt geradewegs zur Bedeutung, es handelt sich
hier nämlich um einen Lappen, der an einer langen Stange
befestigt wurde und vorzugsweise dazu diente, den Backofen
zu reinigen. Bei der Hüddelwell dagegen geht es um
eine Garbe von verunkrautetem Getreide, deren zerzauste
Gestalt die Vorlage für unsere unordentlich gekleidete Frau
in Herdern abgibt. Natürlich wird auch die Vogelscheuche als
Vergleich herangezogen (Vogelschüüch(e), -scheichi
und Gschiiech), sowie der Besen (Bääse) oder
ein Wisch (Buschlä). Mystisch wird es bei der
Wädderhex, und eine modernere Bildung scheint die Hex
vun Rom aus Haslach im Kinzigtal zu sein.
Wie aber steht es mit der öfters
gemeldeten Angabe Gschiärr, einer weiteren
Besonderheit um die Breg herum mit einem Ausreißer im
Untermünstertal? Kann hier die Vorstellung von einer
unmöglich „angeschirrten" Frau (gleich einem Zugpferd) Pate
gestanden haben? Das ist möglich, wenngleich auch andere
Assoziationen vorstellbar sind. Bei den Erweiterungen
Gschirrwiib, Gschirrhex und Gschirrliesi (eine
Hotzenwälder Spezialität, die auch in der Schweiz stark
verbreitet ist) kann jedenfalls noch eine weitere
Motivation herangezogen werden, besonders wenn man die
Bezeichnung Gschirrwägele für unpassend angezogene
Kinder oder Jugendliche in Ebnet dazunimmt: Hier könnte der
Geschirrwagen aus längst vergangener Zeit, an dem Pfannen
und Töpfe baumelnd hängen, und der vom Pferd gezogen ins
Dorf gefahren kommt oder dessen Besitzerin, die fremdartig
gekleidet ist, gemeint sein. Auch das Charewiib
‚Karrenweib‘, sowie die Zigiineri bzw. Zigünere
gehören in dieses Umfeld.
Natürlich ist die schlampige Kleidung
nicht immer zu isolieren von der Gesamterscheinung der
Person. Das spiegelt sich in einigen Meldungen wider, die
wohl mehr auf die Beanstandung der Haartracht abzielen. Die
Tschaudle oder Tschoidle mit den Nebenformen
Tschudde, Tschüddl oder Tschüddle gehört
hierzu, Bezeichnungen, die alle auf eine unordentliche
Frisur oder zerzaustes Haar anspielen. Auch bei der
Zoddel, Zoddle, Zuddl oder Zuddle denkt man eher
an ungepflegte Haare als an schlampige Kleidung. Und die
Zuusl oder Züüsle kommt aus der selben Richtung.
Bei der aus Todtnau und Zell im Wiesental gemeldeten
Chutz, sowie der aus Grießen dazukommenden Chutzi
ist der Sachverhalt nicht so einfach. Denkbar ist aber auch
hier, dass die Vorstellung von wirrem oder verfilztem Haar
beteiligt ist.
Mit der Tschumbel, Tschamble
und Tschambel dagegen, die hauptsächlich aus dem
Breisgau gemeldet wurde, kommt noch ein weiterer Aspekt ins
Spiel: der Gang, der entweder schief, eierig oder sonstwie
auffallend ist. Zum ungepflegten Äußeren ganz allgemein
könnten noch zahlreiche Einzelmeldungen angefügt werden, die
aus Platzgründen aber leider wegfallen müssen. Wer also
gedacht hatte, mit Schlambe oder Schludde sei
das Thema erledigt, war zu früh fertig. Die Leser und
Leserinnen der Badischen Zeitung hatten hier noch mehr auf
Lager. |