Den Vertlaider kann
man da und dort bekommen
Badische Zeitung 1. Juni 2001
Wer immer nur seine Lieblingsspeise
essen und da partout keine Abwechslung hineinbringen will,
dem kann es schon mal passieren, dass er sich dä
Vertlaider anisst. Das ist kein Geschwür, das sich
bedrohlich im Magen bildet, sondern eher ein Gefühl, das
sich jedoch ganz handfest körperlich zeigt. Schon beim
Anblick der betreffenden Speise, manchmal genügt auch nur
der Geruch, empfindet man einen regelrechten Widerwillen.
Nicht überall ist dieses Gefühl unter dem Namen
Vertlaider bekannt. Manchmal spricht man in diesem
Zusammenhang auch vom Aberwille oder von einem
Abguu, der einen befallen kann, und im fränkischen
Nordbaden wird dieses Ungemach mit den Worten I heb mer s
Maaslaid draa gesse kommentiert.
All diese Wörter sind dialektale
Besonderheiten, wenngleich sie aus dem Zusammenhang leicht
verständlich sind. Trotzdem könnte ein Mundartfremder bei
dem Wort Vertlaider wegen des eingeschobenen t ins
Stutzen kommen und seinem Gehör nicht ganz trauen. Hier kann
ihm jedoch versichert werden, dass das t seine Berechtigung
hat. Es handelt sich in diesem Fall nämlich um zwei
Vorsilben. Neben dem ver- muss man da noch an ein
ent- denken (also ‚verentleiden‘), das aber zum t
verschliffen wurde. Bei anderen Wörtern, wie vertlaufe
(‚wegrennen‘) oder vertlehne (‚entlehnen‘), liegt
dieses Prinzip ebenfalls zugrunde.
Auch das Wort Aberwille lässt
sich leicht verstehen, wenn man an den Aspekt ‚dagegen‘ beim
Wort „aber" denkt. Somit kann zu „Widerwille" eine direkte
Beziehung gezogen werden. Beim Abguu wird es da schon
wieder ein wenig komplizierter. Da stand nämlich die
französische Sprache Pate, aus der auch das sonst im Dialekt
heimische Wort Guu stammt. Beim französischen ‚goût‘
handelt es sich eigentlich ganz neutral um ‚Geschmack‘ oder
‚Geruch‘. Im Dialekt haftet dem Guu allerdings oft
etwas Negatives an. Äußerungen wie des het e Guu an sich
oder des het ä Guu kriägt lassen, wenn sie noch mit
entsprechendem Naserümpfen verbunden sind, den Verdacht
aufkommen, es könne sich hier um ein Gschmäckle
handeln. Und selbstredend verkehrt sich beim Abguu,
ähnlich wie beim Aberwille, alles ins komplette
Gegenteil: Die Lust am Essen ist einem verdorben, ja es kann
manchmal noch schlimmer kommen.
Wenn der Abguu oder der
Vertlaider wirklich ganz tief sitzt und damit im
Bedarfsfall die Herrschaft übernimmt, braucht sich der
Leidende nicht zu wundern, dass es ihn sogar lupft.
So jedenfalls nennt man vielerorts das Gefühl, das von dem
Besitz ergreift, dessen Mageninhalt, entgegen des üblichen
Wegs, nach oben strebt. Lupfe heißt ‚heben‘ und
wenn s aim lupft, dann wird damit zum Ausdruck gebracht,
dass eine unberechenbare Größe das Kommando übernommen hat,
ein „es", das nur noch mit höchster Willenskraft gebannt und
damit Schlimmeres verhindert werden kann.
Dass es ebber (‚jemand‘)
lupft, kann je nach Zusammenhang aber auch etwas ganz
anderes bedeuten, denn der Ausdruck eignet sich mühelos für
die Umschreibung verschiedener Ereignisse. Wenn nämlich die
Rede von einem Bankrotteur ist, bedeutet s heten glupft
sein sicheres finanzielles Ende. Ein anderes Ende, und zwar
den Tod, hat dagegen der im Sinn, der dies von einem Säufer
sagt.
Überhaupt lebt die Sprache von der
Mehrdeutigkeit. Das gilt auch für den Vertlaider, den
man nicht allein beim Essen bekommen kann, obwohl die Nähe
zu diesem Bild beliebt ist. S isch mer vertlaidet wiäs
Dreckfresse deutet mit Sicherheit nicht auf eine Speise
hin, sondern kann alles mögliche zum Inhalt haben, von
verzwickten Geschichten, in denen man eine Rolle spielt, bis
hin zur Lust am Leben. Hier ist die Lösung allerdings nicht
ganz so einfach wie beim Essen, wo man die bis zum Überdruss
genossene Speise einfach unberührt stehen lassen kann. |