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Ein Spruch vor allem für die verpassten Gelegenheiten
Badische Zeitung 29. Mai 2001

Wer verpassten Gelegenheiten lange nachtrauert und ins ausgedehnte Lamentieren kommt, nach dem Motto "Wenn ich doch ..." , erreicht damit im Grunde gar nichts. Viel besser ist es, so etwas mit Humor zu nehmen und sich an den Sprüchen zu freuen, die in der Mundart für solche Situationen bereit gehalten werden. Wenn d Katz ä Ross wär, kinnt mr an de Baim nuff ritte! (‚Wenn die Katze ein Pferd wäre, könnte man die Bäume hinaufreiten‘) rückt in diesem Fall einiges zurecht. Zum einen regt es zum Lachen an, denn unwillkürlich stellt sich wohl jeder dieses kuriose Bild vor. Zum anderen ist dieser Spruch vielleicht aber auch dazu angetan, die Kette der Möglichkeiten in Frage zu stellen: Man könnte die Bäume hinaufreiten, aber will man das denn? Es scheint genauso sinnlos, hierüber nachzudenken, wie dem Entgangenen nachzutrauern. Ein anderer Spruch hingegen orientiert sich da mehr an der Realität: Mit Wenn des Wertli „wenn" nit wär, wär ä mancher Bettelmann Herr! wird der Lebensbereich angesprochen, wo sich wahrscheinlich die meisten Wunschträumer tummeln: in der Vorstellung vom materiellen Reichtum. Dabei muss der Anlass für den Kommentar nicht unbedingt eine finanzielle Angelegenheit sein, der angestrebte Reichtum dient lediglich als Bildspender. Auch auf der Baar argumentiert man zu diesem Thema materiell: De Wenn un de Wett, het nie nix ghet, was sinngemäß bedeutet, der, der immer nur „wenn" sagt oder „ich wollte" (i wett), hat gewöhnlich nichts und kommt auch zu nichts. Ähnlich gelagert ist auch die weit verbreitete Feststellung: Der Habich isch besser als der Hättich. Derber ist dagegen das Bild in folgendem Kommentar: Wenn de Hund nid gschisse hätt, hätter de Haas kriägt! Damit - manchmal genügt es auch, nur den ersten Teil des Satzes zu zitieren - will der Sprecher mit drastischen Worten sagen: „Stell dich der Realität und finde dich damit ab!" Doch das ist eben leichter gesagt als getan. Es kommt doch hin und wieder vor, dass es einen in Mittelbaden und nördlich davon niggelt, während es einen südlich davon pfupft oder pfupfert, d. h. man kann sich nicht damit abfinden, dass die Gelegenheit entgangen ist und muss sich immer wieder darüber ärgern. Sinnigerweise sagt man in Diersheim auch von einer Wunde, die immer wieder schmerzt, sie pfupft.

Wenn sich nun die Erfüllung des Wunschdenkens rundweg nicht einstellen will, müssen Strategien entwickelt werden, die darüber hinwegtrösten. Liäber ä Luus im Krutt als gar kai Flaisch (‚Lieber eine Laus im Kraut als gar kein Fleisch‘) wäre da so ein Beispiel, wobei hier noch ein Schuss Galgenhumor mit hineinspielt. Überhaupt sollte man sich immer mal wieder auf das besinnen, was man hat, was mit einem Kommentar aus Meßkirch auf den Punkt gebracht wird: Sei froh, dass de en Mensch bischt un koin Hund, sonscht mießtescht d Kelber in Hindere beiße (‚... sonst müsstest du die Kälber in den Hintern beißen‘). Manch einer kann sich aber mit seiner Wirklichkeit nicht abfinden und möchte hoch hinaus, obwohl die Voraussetzungen dafür nicht gegeben sind. Da kann er sich des Spotts der anderen sicher sein. In der Karlsruher Gegend hört man in solchen Fällen: Der möcht gern mit de große Hund brunze, kriegt awwer d Fieß net hoch.

Ob allerdings alles immer so gut werden würde, wie wir es uns in unseren Wunschträumen ausdenken, gibt denn auch eine stabreimender Frage, die aus Reute bei Emmendingen gemeldet wurde, zu bedenken: Wenn Wassr Wii wär, wu wotte Wiibr Windlä wäsche, wer wott Wirt wäre?

 

 

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