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Wer nichts zu lachen hat, darf hüüle, blääre oder briele
Badische Zeitung 5. Juni 2000

Das beim Erlernen einer Fremdsprache bekannte Phänomen der „falschen Freunde", also Wörter, die von ihrer äußeren Form, nicht aber von ihrer Inhaltsseite an deutsche Wörter angeknüpft werden können, gibt es auch überreichlich in der Mundart. Besonders heikel wird es dann, wenn es dabei um Unterschiede in der gefühlsmäßigen Bewertung geht. Bei Bezeichnungen für das hochdeutsche ‚weinen‘ lauern solche Gefahren zuhauf.

In einem breiten Gürtel entlang des Rheins, der in Mittelbaden bis zum Schwarzwald reicht und in Südbaden sogar in den Schwarzwald vorstößt, spricht man vom hiile oder hüüle, das zwar mit ‚heulen‘ verwandt ist, aber durchaus neutral, ja sogar mitfühlend gemeint ist. Soviel aß me in der Juged lacht, mueß me im Alder hüüle, ein Sprichwort aus dem Markgräflerland demonstriert die Verwendungsweise und läßt gleichzeitig Rückschlüsse auf die übliche soziale Kontrolle zu: Übermäßige Fröhlichkeit der Jugend scheint nicht geheuer zu sein.

Ein Wort, das im Hochdeutschen von der Lautgestalt her keine Entsprechung hat, ist briege, wie man es in Teilen des Hotzenwalds und am Bodensee hören kann. Hier lag ursprünglich die Bedeutung ‚das Gesicht verziehen‘ zugrunde. Im mittleren Schwarzwald schließt sich dann ein Gebiet an, wo man brielt, eine mundartliche Form von ‚brüllen‘, genauso wie ‚heulen‘ ganz neutral gemeint. Allerdings gibt es hier Unterschiede von Ort zu Ort. Manchmal spricht der Mundartsprecher auch von schre-ie, anderswo von blääre. Blääre gilt auch für weite Teile des nördlichen Schwarzwalds.

Doch hier fängt es schon an kompliziert zu werden, denn blääre ist in den meisten anderen Gegenden auch bekannt, wird jedoch dann verwendet, wenn die Benennung einen tadelnden Beigeschmack haben soll. Der het blääret wia en Dachmarder kann man in Gütenbach von jemandem sagen und will damit zumindest andeuten, dass es ungehörig laut war. Für die unmäßige Lautstärke stehen allerdings noch andere Wörter zur Verfügung: So wird im Kinzig- und Elztal von pflarze gesprochen und zu einem weinerlichen Kind kann schon mal gesagt werden: Bflaadshaafe, Liirekiibel, ds Elze good ä Deckl driiwer. Auf der Baar wird ein laut schreiendes Kind dagegen mit des braget kommentiert und zum Schwäbischen hin kann man Leute gelfe hören.

Wenn allerdings eher als die Lautstärke das klägliche Jammern in den Vordergrund gestellt werden soll, stehen noch andere Bezeichnungen zur Verfügung. Hier wird besonders auf das Bild der um Futter bettelnden Katze zurückgegriffen: Man spricht von maunze, mauze und muauze.In Schwerzen wird jedoch von einem, der in weinerlichem Ton gewohnheitsmäßig jammert, gesagt, er würde pfnäächse, ähnlich wie in Gütenbach, wo in diesem Fall pflächzget oder pflägset wird. Der Umstand, dass wenn die Tränen laufen, meist die Nase auch nicht mehr zu halten ist, war hier wohl ausschlaggebend für die Benennung, denn weit verbreitet für ‚Schnupfen‘ ist das Wort Pfnüsel mit seiner Sonderform Pflüsel, das zumindest im Anlaut Ähnlichkeiten aufweist. Aber auch lautmalerische Gründe mögen für diese Wortbildung Pate gestanden haben.

 

 

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