Das Wetter
zwischen Hornissen und Erbsen
Badische Zeitung 11. November 2000
Ein Satz, wie Also nai, hit saichts
wider emool in ai Loch nii, belegt die auch im
Alemannischen verbreitete Neigung, den Vorgang des Regnens
mit dem Urinieren zu vergleichen. Nun wird dies aber
keineswegs bei einer gefühlsmäßig unbeteiligten Feststellung
gesagt. Im Gegenteil, es ist hier eindeutig ablesbar, dass
der Regen nicht erwünscht ist. Das gilt ebenso für das auch
aus der Umgangssprache bekannte schiffe, das aber
gleichsam in der Mundart daheim ist, denn es wurde schon
1919 in Ettenheim gehört. Daneben wird mit saiche
oder schiffe aber auch ein gewisser Stärkegrad des
Regens bezeichnet, der durch den Zusatz in ai Loch nii
(‚in ein Loch hinein‘) noch unterstrichen wird: Es
handelt sich dabei nämlich um gleichmäßigen, unaufhaltsamen
Dauerregen. Wer hier nicht zu solch drastischen Worten
greifen will, kann allerdings auch sagen s bindfädelet,
wenn ihm das im Alemannischen ebenfalls übliche s regnet
zu wenig gefühlsbetont ist.
Handelt es sich dagegen um einen
Regen, der nur ganz leicht ist, steht dem Mundartsprecher
ein hervorragendes Wortbildungsmittel zur Verfügung: Durch
das Anhängen von ele kann er selbst Zeitwörter
„verkleinern" bzw. abschwächen. Es regnet dann nicht
mehr, sondern regelet; es saicht nicht,
sondern saichelet. Natürlich muss man sich hierbei
immer noch andauernden Niederschlag vorstellen, wogegen man
vom gerade beginnenden Regen, wenn die ersten Tropfen
fallen, vom spritzle spricht.
Am anderen Ende der Skala steht
dagegen der heftige Regenguss, für den es im Alemannischen
eine Reihe von Bezeichnungen gibt, die von Ort zu Ort
variieren können. Nach Weltuntergangsstimmung hört sich das
relativ verbreitete s macht ra bzw. weiter im Süden
s macht abe an, das verwendet wird, wenn dunkle,
schwere Wolken plötzlich regnen, was das Zeug hält. Daneben
können aber auch lautmalerische Bildungen, wie s blätscht,
s datscht oder s bfledderet herangezogen werden.
Wie im Hochdeutschen liegt es auch in der Mundart nah, bei
heftigem Regen an das Ausschütten aus großen Gefäßen zu
denken: s küblet kann man da hören oder in Amoltern
und Umgebung: s schittet wiä mit Ergili. Bei einem
Ergili handelt es sich nicht etwa um eine kleine Orgel,
sondern um einen vor allem als Lesegefäß für die Weinernte
bekannten Behälter, wobei das Wort aus dem lateinischen ‚orcula‘
für „kleine Tonne" abgeleitet werden kann.
Doch nicht immer tritt der Regen
alleine auf. Ist sein Kumpane der Wind, sagt man in Freiamt
Jeds goht e richtige Staiber durch. Wenn dazu
allerdings noch Schnee kommt, spricht man um Lörrach herum
vom hurrle oder hürrle, während man in
Nordbaden eher hört s gowetlt, was vorsichtig
gedeutet mit ‚jähwettern‘ übersetzt werden kann. Weit
verbreitet ist im südlichen Baden dafür das Wort
hornussere, hornusse, hornussle oder hornigle.
Besonders bei den ersten Beispielen ist die Vorstellung von
den schmerzenden Stichen einer Hornisse maßgeblich an der
Wortbildung beteiligt gewesen, während bei hornigle die
Herkunft des Wortes nicht eindeutig zu beantworten ist.
Zumindest in der Vorstellung der Sprecher spukt da auch ein
stachliger Igel herum, vor allem, wenn bei dieser Wetterlage
noch Hagelkörner ins Spiel kommen. Die können vielerorts
aber auch mit Erbsen verglichen werden oder zum Schwäbischen
hin mit Zickleinkot, wenn man bei Hagel sagt s erbselet
oder s gitzebonelet.
Überhaupt keinen Niederschlag hätte es
aber am Samstag, wenn man dem weit verbreiteten Spruch
trauen könnte: Hitt rägnets nit, s Bettelmaidli will s
Hemm druckne.
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